Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
813
Einzelbild herunterladen
 

Vivcs.

813

nicht erforderlich, um seine centrale Stellung in der Geschichte der Pädagogik, am wich-tigsten Wendepunct zwischen Mittelalter und Neuzeit, zu kennzeichnen. Von Raumerbat in seiner Geschichte der Pädagogik Franz Bacon einen wichtigen Platz eingeräumtwegen der indirectcn Wirkung der von ihm verbreiteten Anschauungen auf diePädagogik der neueren Zeit. Bei Vivcs liegen die Keime der Baconischen Weltan-schauung offen vor und mit der indirectcn Wirkung seiner Ansichten ans die Pädagogikverbindet sich eine directe Förderung derselben durch eins der durchdachtesten Systeme,welche uns die Geschichte der Pädagogik überhaupt darbictct. Wiewohl Humanist undRhetoriker, drängt er doch mit dem ganzen Gewicht seiner eindringlichen Lehren, wiemit der ganzen Schärfe seiner Kritik nach selbständiger Weiterführuug der WissenschaftenLurch die christlichen Völker und nach Förderung der Sachkenntnis durch vorurtheilsfrcie,von keiner Auctorität geblendete Forschung. Was ihm mangelt, das ist gerade jenestiefere Verständnis des elastischen Alterthums, welches in Deutschland erst im 18. Jahr-hundert zum vollen Durchbruch kam, während eine Ahnung des Nichtigen die bestenSchulmänner Deutschlands, wie namentlich auch Englands, schon im 16. Jahrhundertzur Bevorzugung der Dichter, des Griechischen und vor allen Dingen des Homer ge-leitet hat. Was ihn auszeichnet, ist die tiefe Wahlverwandtschaft seines Geistes zu derspecifisch modernen Entwicklung der Pädagogik und des Studienwcsens. Die merk-würdige Schärfe seines kritischen Verstandes, die Kühnheit seines Urtheils stützen sichauf einen Geist, der sich durch keine Auctorität, durch keine Ucberlieferung blenden läßt,weil er alle irdische Größe und alles menschliche Ansehen für gering achtet gegenüberdem Göttlichen und Ewigen, das uns in der Schöpfung Gottes, wie in der Offen-barung, entgegentritt. So wird gerade die höchste Entwicklung des Verstandes undseiner Leistungen verbunden mit einer relativen Geringschätzung dieses Gebietes gegenüberdem Sittlichen. Ebenso stellt Vives allen Einrichtungen und Zuständen des bürgerlichenLebens das ewige Leben in Gott als allein wahrhaft werthvoll gegenüber, befreit abergerade dadurch den Geist von aller Ueberschätzung des Gegebenen und Bestehenden undruft durch einfache Anwendung der schlichtesten Grundbegriffe von Recht und Wahrheiteiner Fülle von Reformen. Je mehr das Ideal dem diesseitigen Leben entzogen und indas Jenseits verlegt wird, desto mehr bleibt für die Ordnung aller mensckstichen Dingein Schule und Leben das schlichte Nützlichkeitsprincip maßgebend. Mit diesem trittVives an die Spitze allerNeuerer" in der Pädagogik bis auf Pestalozzi herab, beiwelchem mit dem Begriff der Volkserziehung ein wesentlich andres, denNeueren"gegenüber ein neuestes Princip in die Pädagogik eintritt. Man darf sich nicht dadurchirre machen lassen, daß mit Locke und Rousseau das Nützlichkeitsprincip getrennt vondem transscendenten Factor des religiösen, im Jenseits wurzelnden Lebens auftritt. Siesind Männer einer Uebergangszeit, welche das Nützliche sucht und dabei vergessen hat, wo-zu aller Nutzen nützen soll. Die starke Trennung des Jenseitigen und Diesseitigen, welche derReformationszeit noch als Vermächtnis des Mittelalters eigen war, paßte nicht mehrzu der Denkweise der Gebildeten und zu einer durchgreifenden Neuschöpfuug aus deminnersten Gebiete des geistigen Lebens fehlte diesen Kreisen die Kraft und der idealeSinn. Anders gestaltete sich die Sache in Deutschland, wo seit der zweiten Hälfte des18. Jahrhunderts in unserer elastischen Literatur, wie in unserer Philosophie eine Rich-tung hervortrat, welche sich der immanenten Weltanschauung des elastischen Altcrthumszu nähern sucht, ohne den Boden des Christenthums aufzugebcn. Mag auch im KampfeWechselnder Zeitströmuugen bald die eine, bald die andre Seite, bald die hellenische,bald die specifisch christliche stärker hervortreten, so zeigt sich doch stets nach einigerZeit, daß der deutsche Geist, wie er sich unter dem Einfluß der großen Epoche vonLessing bis auf die Dichter der Befreiungskriege gebildet hat, weder den einen noch denandern dieser Factoren mehr entbehren kann, während die platte und poesielose Ver-ständigkeit langsam aber dauernd an Boden verliert. Zwischen Verstand und Sittlich-keit will der Sinn für das Schöne und Erhabne vermittelnd cintreten und an die Stelle