Vives.
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Mäßigkeit macht uns nur zu Thiercn, Luge aber zu Teufeln, während die Wahrheit unszu Halbgöttern macht. Die Wahrheit stammt von Gott, die Lüge vom Teufel undnichts ist verderblicher als sie für die menschliche Gesellschaft. Den Lügner müßte maumit mehr Recht aus dem Umgang mit Menschen ansstoßcn, als den Dieb, den Münz-fälscher oder den, welcher jemanden geschlagen hat. Denn wie kann Vertrag und Mei-nungsaustausch bestehen mit einem Menschen, welcher anders redet, als er denkt? Mitden andern Lastern kann noch ein Verkehr bestehen, mit diesem nicht. Von vorzüglicherWichtigkeit ist die Wahl des Umgangs, weil die Sitten unsrer Kameraden, wiedurch Ansteckung, ans uns wirken. Daher sollen die Jünglinge sich ihre Kameradschaftnicht selbst wählen, sondern die Wahl den Eltern, Lehrern und Erziehern überlassen,welche dabei nicht nach blinder Willkür, sondern mit Vernunft verfahren werden. Sollteaber ein Knabe zufällig in unnütze oder schädliche Bekanntschaft gerathen sein, so mußer sie ans eine Mahnung der ihm Vorgesetzten so bald als möglich abbrcchen. — Wieman sieht, sind diese Erzichnngsregeln nicht etwa durch einen Misgriff, nach Art desErasmus, in die Schülergcspräche hineingekommen, sondern sie sind in ihrer ganzenFassung darauf berechnet, von Schülern gelesen und beherzigt zu werden, nm dadurchden Absichten des Erziehers in die Hände zu arbeiten.
Es bleibt uns noch übrig, einiges ans dem pädagogischen Inhalt des Werkes »äoinstitntiono kominuo Otiristiunuo« mitzutheilen, dessen allgemeiner Charakteroben schon, freilich zumeist von der Schattenseite, geschildert wurde. Vives verlangt vonder Mutter, daß sie, wie die Römerin Cornelia, ihre Kinder für den größten Schatzhalten soll, welchen sie besitze. Sie soll, wenn immer möglich, ihre Kinder selbst stillen,was nicht nur für Mutter und Kind das gesundeste, sondern auch eine Quelle derreinsten Freuden ist und die Liebe des Kindes zur Mutter früh und tief begründet.Auch hat die Milch auf den Charakter Einfluß, sowie ferner von einer ungebildetenAmme Nachtheil für die Sprache des Kindes zu fürchten ist. Wo daher nicht andersgeholfen werden kann, als durch Zuziehung einer Amme, soll auf die Auswahl derselbendie größte Sorgfalt verwendet werden. (Vgl. die beiden hievon handelnden Stellen, zuAnfang des ersten und im 11. Capitcl des zweiten Buches, IV. S. 70 f. und S. 257 f.).Wenn die Mutter lesen und schreiben kann, soll sie selbst ihre Kinder darin unter-richten und so in einer Person Mutter, Amme und Lehrerin sein, was die Liebe derKinder zu ihr erhöht und die Fortschritte derselben beschleunigt. Die Mädchen soll sieaußerdem in den Handarbeiten und im Hauswesen unterrichten. Um ihrer Kinder willenmuß sie sich die größte Mühe geben, stets rein und richtig zu reden, da die Kinder vonihr alles durch Nachahmung annehmen werden. Die Mütter sollen ferner den Kindernkeine inhaltsleeren Fabeln erzählen, sondern angenehme kleine Geschichten und solcheFabeln, die dazu dienen, die Tugend zn empfehlen und das Laster verhaßt zu macken, so daßdas Kind schon die richtigen Empfindungen annimmt, bevor cs nur weiß, was Tugend undLaster ist. Auch soll die Mutter gewiße Lieblingssprüche und Lebcnsregeln im Munde führen,die im Gedächtnis des Kindes durch das häufige Anhören haften bleiben. Die Kinderkommen mit allen ihren Anliegen immer wieder zur Mutter, fragen sie nach allem undglauben alles, was sie sagt. Welche Gelegenheit bietet sich da, sie zum Guten oder zumSchlechten zu bilden! Von der Mutter sollten sie hören, daß Reichthum, Macht, Ehre,Ruhm, Adel, Schönheit nur eitle und geringzuschätzende Dinge sind, dagegen Gerechtig-keit, Frömmigkeit, Tapferkeit, Enthaltsamkeit, Bildung, Milde, Mitleid, Menschenliebewahre und erstrebenswerthe Güter. Jedermann stellt den Reichthum an: höchsten, beugtsich vor dem Adel, betet Ehrenstcllen an, trachtet nach Macht, lobt die Schönheit, be-wundert den Ruhm und folgt der Wollust; die Armut tritt man mit Füßen, keinen Schimpfhält man für schlimmer, als den Mangel, Einfalt des Geistes verlacht man, die Reli-gion betrachtet man mit Mistraucn, wissenschaftliche Bildung mit Haß, Rechtschaffenheitwird für Wahnsinn oder Betrug gehalten. Daher ist die Menge der Schlechten so groß
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