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Vives.
nur einzelne Gattungen, wie z. B. die gerichtliche Rede ins Auge fassen, will Vivesden Gebrauch der Rede überhaupt lehren.
Noch freier behandelt Vives die Kunst des Briefschreibcns, welche bekanntlichin jener Zeit sehr häufig Gegenstand des Unterrichts und der theoretischen Erörterungwar. Hier verwirft er alle allgemeinen Regeln, besonders auch über die verschiedenenThcile des Briefes, und zeigt vielmehr, daß der Brief ein durchaus freier, ungebundenerAusdruck dessen ist, was der eine dem andern über eine räumliche Entfernung hin zusagen hat. Um so gründlicher behandelt Vives daher die Frage, welchen Einfluß diePerson des Schreibers und des Empfängers, ihre sociale Stellung, Bildung u. s. w.und der Zweck des Briefes auf die ganze Bchandlnngsweise haben müßcn. Bezeichnendist noch für seinen Standpunct, daß er gelegentlich auch auf Briefe in den modernenSprachen Rücksicht nimmt und daß er auch hier, wie übrigens noch mehr in der Schriftäs rationo äieoiiäi, seine Neigung verräth, jede Frage wo möglich vorab geschichtlichzu behandeln. So wird z. B. der Brauch, den Brief zu unterzeichnen, statt seinenNamen nach Sitte der Alten gleich in der Ueberschrift zu nennen, aus der Nachäffungder fürstlichen Unterschriften unter den Diplomen abgeleitet. Auch sein moralischesUrthcil läßt Vives an geeigneter Stelle nicht vermissen. So eifert er z. B. heftiggegen die „trügerische, abgeschmackte und thörichte" Art von Briefen, die so schmeichlerischgehalten seien, daß man die wahre Gesinnung des Schreibenden gar nicht erkennenkönne, wie diejenigen Briefe beschaffen seien, die man jetzt „höfliche" (aulieue) und„gebildete" (bona säueutus) nenne.
Von ungleich größerer pädagogischer Wichtigkeit ist die im I. 1539 (zuerst inParis, s. Majans I. S. 145) erschienene „sroroitatio liiiAnua lutinno,"ein in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien viel verbreitetes Schulbuch, von demwir kaum mit Sicherheit zu sagen wüßten, ob es nicht noch heutzutage irgendwo ge-braucht wird. Wenigstens ist noch im I. 1836 in Parma eine Ausgabe mit italienischerUebersetzung erschienen. Majans erwähnt drei verschiedene Ausgaben mit spanischerUebersetzung aus dem 18. Jahrhundert; ferner eine Uebersetzung und einen Commentaraus dem 16. Jahrhundert; eine Ausgabe mit lateinisch-spanischem Index n. s. w.Auch mehrere französische Uebersetzungen, Ausgaben mit lateinisch-französischem Vocabularn. s. w. aus dem 16. und 17. Jahrhundert, zwei italienische mit Uebersetzung aus dem18., eine deutsche und eine polnische Uebersetzung werden von Majans (I. S. 157—162)erwähnt, ohne daß jedoch von einer vollständigen Aufzählung der Ausgaben auch nurvon ferne die Rede sein könnte?) Unter Len deutschen Ausgaben sind besondershervorzuhebcn diejenigen von Matthias Martinius, Bremen 1618 und die seit1571 sehr oft aufgelegte des Thomas Freigius, Nürnberg. Von der crsteren (diemir unbekannt geblieben ist) rühmt Thomas Crcnius (Da M1olo§in, ImZM Lat.1696. 4. S. 238) die ausgezeichneten philologischen Anmerkungen und „monita Moralin,"mit welchen Martinius die Dialoge begleitet habe. Thomas Freigius, welcher imI. 1576 das Nectorat des nürnbergischcn Gymnasiums und der Akademie zu Morsübernahm, ist ein begeisterter Verehrer unseres Vives, den er, wie es in der Dedication derDialoge (1582) heißt, schon als Knabe für immer lieb gewonnen habe. In derPhilosophie habe er Vives freimüthiger und wahrheitsliebender als die andern gefundenund in ihn: einen der ersten Vorkämpfer gegen die Barbarei und Sophistik der früherenJahrhunderte erkannt. Mit der Selbständigkeit seines Urtheils verbinde sich eine reineund edle Sprache. An seiner Philosophie jedoch sei vorzüglich die negative Seite zubewundern; die positive Ergänzung dazu habe Ramus gegeben, indem er dasjenige
*) So erwähnt z. B. Majans von den in Deutschland erschienenen Ausgaben nur diejenigendes Matthias Martinius, Bremen 1614, und Thomas Freigius, Nürnberg 1571 (?), 1583und 1622, während mir außerdem folgende bekannt geworden sind: Nürnberg 1582, 1583,1584, Augsburg 1547, 1564, 1574. — Thomas Crenius in dem im Text citirten Werke er-wähnt auch englische Ausgaben.