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9 (1873) Spanien - Vives
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Vives.

Gefühl zu verlassen. Mit Zunahme der Kenntnisse werden sie nun ganz Lateiner.Dann sollen sie versuchen, ihre Gedanken lateinisch auszudrücken, da bei Erlernungeiner Sprache nichts über die Uebung geht. Wer sich schämt zu reden, mag dieHoffnung auf Beredsamkeit aufgeben. Spricht einer noch nicht, nachdem er ein Jahr-lang Latein gelernt hat, so soll er bestraft werden. Für einen Fehler soll einer bei einerSchwierigkeit nicht gleich bestraft werden, wohl aber bei einer leichten Sache. Esfolgen noch eingehende Erörterungen über die Erlangung einer reinen und lcichtver-ständlichen Ausdrucksweise und über die Fehler der Ans spräche und ihre Verbesserung,worauf Vives zu den schriftlichen Hebungen übergeht. Hier wollen wir nurdie pädagogische Regel hervorheben, daß der Schüler anfangs wenig, aber mit Sorgfaltschreiben und seine Leistungen allmählich steigern soll, da die Fähigkeit des Schreibensnicht sowohl durch übermäßige Arbeit, als vielmehr durch Uebung erreicht wird. DieSchüler sollen auch ihre alten Arbeiten anfbewahren, um ihre Fortschritte selbst beob-achten zu können.

Das zu frühe*) Disputiren bekämpft Vives natürlich auch hier; gleichwohlwill er es gerade den Knaben, sobald sie erst etwas gelernt haben, nicht nur gestatten,sondern sogar auch den Wetteifer durch kleine Prämien und Belobungen Wecken;allmählich soll dann aber die Disputation in eine bloße Vergleichung der Studienübergehen und den Jünglingen soll die Meinung bcigebracht Werden, daß sich jenesganze Treiben als etwas kindisches für sie nicht mehr schicke. Vives hofft so die eitleStreitsucht der Erwachsenen nur um so sicherer auszurottcn, während er in einemAlter, wo ihm dies unschädlich scheint, den Ehrgeiz der Jugend als Sporn zur Uebungim Reden benutzt.

Was die Disciplin betrifft, so ist allerdings Tadel und Mahnung auf jederAltersstufe beständig nothwendig und wir dürfen keine schlechte Gewohnheit einwurzeln lassen.Es giebt jedoch Dinge, welche der Knabe noch nicht versteht und hier soll der Erzieherden Tadel auf spätere Zeit verschieben und den Knaben für jetzt nur erinnern, daßsein Thun nicht gebilligt, sondern nur einstweilen geduldet werde. Der Grunddes Misfallens werde ihnen später eröffnet werden. Auch giebt es Dinge,die wir bei Knaben geradezu billigen, während sie bei Männern zu tadelnwären. Auch kann es vortheilhaft sein, etwas zu ignoriren; nur lasse man nichtsunsittliches passiren. Beim Unterricht soll sich der Lehrer Wohl hüten, schon reifeFrüchte zu verlangen, wo kaum Knospen sein können; er soll nicht in Zorn gerathen,wenn die Knaben noch nicht dasjenige leisten, was ausgebildete junge Leute oder gar erselbst. Und doch giebt es Lehrer, welche solches mit schrecklichen Drohungen und mitSchlägen von den Knaben verlangen, wofür sie eher selbst Prügel verdienen. DerLehrer soll stets das richtige Maß beobachten und namentlich im Anfänge, z. B.bei den ersten Versuchen, Latein zu reden oder zu schreiben, sich vor Einschüchterunghüten und lieber einige Fehler passiren lassen, die mit der Zeit verbessert werden können.Er soll die Schüler sogar mit Lob und Billigung anfeuern, damit sie nicht den Muthverlieren; denn sie werden nichts wagen, wenn sie fürchten ansgelacht zu werden. Nursoll sich der Lehrer hüten, wenn er einen Fehler gehen läßt, nicht ausdrücklich dasFalsche für richtig zu erklären, was seinem Ansehen bei den Schülern schaden könnte. Die menschliche Natur neigt übrigens so sehr zum Schlechten, daß oft ernster Tadel,und im Nothfalle Schläge angewandt werden müßcn, damit der körperliche Schmerz,wie bei den Thieren, denjenigen zur Ordnung bringe, dem die Vernunft nicht genügt.

*)Uon ost otatim pusro sobolsm «koänoto ckisputancinm," VI. x. 315. dlas. DaVives selbst nach unfern Begriffen sehr früh disputiren läßt, so scheint es keine Ucbertrcibung,sondern wörtlich richtig zu sein, was schon oben erwähnt wurde, daß viele Lehrer damals dieKnaben schon sofort nach ihrem Eintritt in die Schule zur Theilnahme an den Disputationenaussorderten.