wozu er geeignet ist. Den cnifkeimcndcn Lastern kann rechtzeitig begegnet und der nochbiegsame Geist zum Guten gelenkt werden. Die Altersgenossen haben weniger Machtzur Verführung, denn allenthalben begegnet einer von ihnen Leuten, welche sich um siebekümmern. Wenn sie aber fallen wollen, so wird die Liebe der Ihrigen sie mit sanfterHand ergreifen; genügt dies nicht, so werden Ehrerbietung und Furcht zu Hülfe kommen.So wird die Ruthe der Zucht dem Knaben beständig vor Augen und um den Rückenschweben, was jenem Alter vorzüglich heilsam ist. Zugleich aber wird durch den täg-lichen Verkehr die Liebe zu den Eltern und die Liebe zum Vaterlande wachsen, dessenWohl ihm beständig am Herzen liegen wird.
Vives kehrt nun zu der Forderung zurück, daß also in jeder Stadt ein Gymnasium(„Inckns littornrius") zu errichten sei und wiederholt kurz die wichtigsten Erfordernissefür die Einricktung und Leitung desselben. Ausführlicher wird hier die Frage nach derPrüfung der Anlagen behandelt, die Vives als ein Capitel ans der Psychologiebetrachtet. Er vergleicht die Geisteskraft (in^omnin) mit dem Auge und knüpftdaran manche treffende Bemerkungen über den Unterschied der Anlagen; so z. B., daßeinige eine sehr scharfe Auffassung des Einzelnen haben, aber nicht zusammenfassen können.Ein Unterschied sei nur, daß jeder seine körperlichen Mängel kennen lernen könne,die geistigen aber weder kenne, noch wenn man sie ihm zeigt, anerkennen wolle. Dieganze Stelle enthält auf wenigen Seiten mehr wirklich brauchbares über diesen Gegen-stand, als das ganze Buch von Huarte über die Prüfung der Köpfe, welches 35 Jahrespater erschien und eine so große Berühmtheit gewann. Von der Temperamcntslehre,die bei Huarte alles überwuchert, macht Vives nur einen sehr mäßigen Gebrauch; erstützt sich durchweg auf eigene Beobachtung und historische Zeugnisse.
Von spcciellercm pädagogischem Interesse sind wieder die Gegenstände, anwelchen das Talent des Knaben erprobt werden soll. Vives hebt hier drei sehr ver-schiedene Gebiete besonders hervor: Rechnen, Gedächtnis und Spiel. DieArithmetik habe Pythagoras zur Prüfung der Verstandesschärfe benutzt. Schärfedes Verstandes zeige sich im leichten und sichern Rechnen; Langsamkeit des Geistesim langsamen Rechnen. Das Gedächtnis habe Quintilian zum Zeichen des Geistesgemacht; dabei sei aber zwischen leichter Auffassung und treuem Behalten zu unter-scheiden. Für die Wichtigkeit der Spiele endlich beruft sich Vives auf ein spanischesSprüchwort, welches so viel sagt als „Aemter und Spiele schleifen den Verstand."In der That will Vives hier vorzüglich solche Spiele benutzen, in welchen der Knabesich unter seinen Altersgenossen frei bewegt und im Wetteifer seine Kräfte entfaltet,zumal auch wenn er nach den Gesetzen des Spiels etwas zu regieren und zubefehlen hat.
Vives wiederholt nun nochmals mit größerem Nachdruck, wie wichtig es wäre,wenn es wirklich gelänge, jeden demjenigen Zweige der Thätigkeit znzuweisen, fürwelchen er von Natur geschaffen ist. Daran knüpft sich die bei ihm öfter wiederkehrendeWarnung, nicht zu sehr der Frequenz der Schule nachznjagcn. Allerdings werdeder Redner durch eine große Zuhörerschaft angefenert, aber Redner und Lehrer seinicht dasselbe. Mit scharfem Tadel erwähnt Vives - den Brauch mancher Väter, die-jenigen Söhne, welche zu keinem praktischen Beruf tauglich scheinen, ohne weiteresstudiren zu lassen, damit sie Geistliche werden sollen. — Der Lehrer soll die Schülerlieben, wie ein Vater seine Kinder; mir soll die Liebe des Lehrers weniger blind sein.Aber an keinem Schüler soll man so sehr verzweifeln, daß man ihn gleich von Anfangan wegschickt. Namentlich soll man alle an der religiösen Unterweisung Theilnehmen lassen, mit welcker der Unterricht in der Schule zu beginnen hat, damit derGeist der Knaben gleich von Anfang an in die rechte Bahn gelenkt werde und damitman die Macht der Gewohnheit später nicht gegen sich, sondern für sich habe. Nachdiesem soll die erste Ausscheidung der Untauglichsten stattfindcn. Ganz stumpfsinnige,PLdag. EncyklopSdic. IX. 50