Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
782
Einzelbild herunterladen
 

782

Bives.

den sich mehr zum Jagen, Reiten, Kriegsdienst, Spiel und Wollust hingczogcn fühlen,als zu ernsten Studien. Der Ort soll nicht gar zu gewerbreich sein und nament-lich lärmende Handwerke müßen vermieden werden, aber ebenso das Gcgentheil: zugroße Einsamkeit, damit es den Studirendcn nicht an Zeugen ihres Betragensund Beobachtern allfälliger Laster fehle. Die Bevölkerung sei wo möglich ernst undunverdorben; nicht Kneipwirthe und Verführer, aber auch nicht geizige Pfennigfuchser,damit sie nicht auch in den Studenten einen kleinlichen Geist erzeugen, welcher derWeisheit feindlich ist. Auch die Nachbarschaft von Höflingen und von Mädchen ist zufliehen; am besten würde ein Ort außerhalb der Stadt gewählt, zumal wenn cs eineSee- oder Handelsstadt ist; nur nicht ein solcher Ort, den die Städter zum Vergnügenanfsuchcn; auch nicht an der offenen Landstraße, damit die Neugier das Studium nichtstöre. Auch Grenzgcgenden, die öfter vom Kriege beunruhigt werden, sind zu vermeiden;in jedem politischen Gebiet sollte eine besondere Akademie sein, damit die Studentenbei einer Sperrung der Grenze nicht gleich von den Ihrigen und von ihrer Heimatabgeschnitten sind. Man wundre sich nicht, fügt Vives hinzu, daß so viel Sorgfaltauf die Wahl des Ortes verwandt werden soll, wo die Weisheit entstehen und wachsensoll, da man doch so viele Sorge verwendet auf die richtige Aufstellung von Bienen-körben, die doch nur Honig bringen sollen.

Die Lehrer sollen nicht nur die uöthigcn Kenntnisse haben, sondern auch Lchrgcschick.Ihre Sitten sollen rein sein. Die erste Sorge ist, daß sie nichts sagen oder thun, wasdem Schüler ein schlechtes Beispiel geben, oder was er nicht ohne Gefahr nachahmenkönnte. Haben sie schlechte Gewohnheiten, so sollen sie in erster Linie bemüht sein, sieabzulegen; demnächst, was freilich viel weniger zu empfehlen ist, sollen sie wenigstensin Gegenwart der Schüler sich ganz davon enthalten, denn diese sollen sich nun einmalnach dem Beispiel des Lehrers bilden. Zur Sittcnreinheit muß sich Klugheit (xruäentin)gesellen, da sowohl beim Lehrvertrag als auch bei Ermahnung und Bestrafung derSchüler außerordentlich viel daraus ankommt, das rechte Maß zu halten und alles zurrechten Zeit und am rechten Orte anzubringcn. Alles unzcitige ist müßig und wirkungs-los. Ferner soll der Lehrer ein wackerer Mann und Freund der Wissenschaften sein,damit er sowohl zur eigenen Uebung als zum Vortheil anderer mit Freudigkeit unter-richte. Gegen die Schüler soll er väterlich gesinnt sein und nicht darauf sehen, wie vielder Unterricht ihm einträgt. Vor allen Dingen sind zwei Laster von der Jugcndbildungfern zu halten: Habsucht und Ehrgeiz; da sie nicht nur die Wissenschaften verderben,sondern auch ihre Vertreter und das Studium selbst in Verachtung bringen. Wie wird

derjenige die Schüler regieren, der von ihnen Ruhm und Geld hofft? Deshalb sollte

man auch alle Gelegenheit zum Gelderwerb in den Schulen ausrottcn und den Lehrernaus Staatsmitteln ein solches Gehalt aussehen, wie cs ein wackrer Mann wünscht, einschlechter aber verschmäht; denn wenn das Gehalt zu reichlich ist, so werden schlechteund unwissende Menschen, von Gewinnsucht getrieben, sich in die Acmter cinznschlcichenwissen und die rechtschaffenen Gelehrten, die sich auf die Künste der Bewerbung nichtverstehen oder sie verschmähen, werden ausgeschlossen werden. Die Lehrer sollen vonden Schülern nichts erhalten, damit sie nicht nach Schülern Haschen oder dieselben gar

zu nachsichtig behandeln. Auch sollen sie diesen die Lebensmittel nicht verkaufen; sondern

cs soll wöchentlich von den Kameraden ein Tischmeister (nrolütriolinus") gewähltwerden, der die Speisen kaufen läßt und am Ende der Woche Rechnung ablcgt. DieSpeisen sollen billig, rein und leicht verdaulich sein.

Jede Gelegenheit zu Prahlerei und prunkender Anmaßung soll beseitigt werden.Daher sollen die öffentlichen Disputationen selten sein; denn in diesen wird nicht dieWahrheit ermittelt, da der Beifall sich nicht demjenigen zuwendet, welcher der Wahrheitnäher kommt. Es wird nur der Ruhm des Talentes oder der Erfahrung in den Künstendes Streites gesucht und aus dem Wettbewerb um diesen Ruhm erwachsen Zank,Schmähungen und Feindschaften, und was das verruchteste ist: das Talent ergreift die