ethische Fragen werden die jnngcn Leute nicht besser, sondern schlechter gemacht. Ansdem rnhigen Lesen einer einzigen Seite aus Sencca oder Plntarch gewinnen sie mehrzur Beschwichtigung ihrer Leidenschaften, als aus sämmtlichen Commentarcn zur Ethikzusammengcnommen. Durch die kalte Behandlung der erhabensten Gegenstände wirddas Gemüth wie mit Schwielen überzogen und keine Mahnung zur Tugend vermagspäter mehr in die verhärtete Brust cinzndringcn. — In seiner Kritik des bürgerlichenRechtes findet Vivcs einen Hauptgrund des Verfalls im Verfall der Freiheit und derüberhandnehmcnden Fürstengewalt, durch die aller Nachdruck der Gesetzgebung auf dieBehauptung und Vermehrung dieser Gewalt abgelenkt, das Volkswohl vcrnachläßigtund heuchlerische Verdrehung von Recht und Gesetz eingeführt worden ist. Uebrigenshaben die Römer schon zu Zeiten der Freiheit das Recht lediglich als ein Mittel zurBehauptung des Eigenthums behandelt und die in Griechenland für so wichtig erachteteGesetzgebung über die Erziehung vernachläßigt. So diente die Gesetzgebung nicht dermoralischen Veredlung des Volkes, sondern sie schuf nur ein Mittel zum Kampf mitWorten, in welchem jederzeit der Stärkere den Sieg behielt. Gesetze, welche dem Volkwahrhaft dienen sollen, müßen einfach sein, daß jedermann sie verstehen und handhabenkann; ihre Anwendung aber auf die vorkommenden Fälle muß vom Naturrecht („nsguitns")geleitet sein, nicht von einer mechanischen und allen möglichen Controversen unterworfenenCasuistik oder den so äußerst willkürlichen Citaten früherer Fälle, da ja die Wirklichkeitin unendlicher Fülle stets neue Umstände und Verhältnisse mit sich bringt. Die Hab-gier der Advocaten liebt aber diesen Zustand der Ungewißheit, der ihnen die Mög-lichkeit giebt, immer neue Rechtshändel aufzutreiben und die Processe in's Endlose zuvermehren.
Den sieben Büchern von den Ursachen des Verfalls der Wissenschaften folgen alspositives Gegenstück die fünf Bücher vom wissenschaftlichen Unterricht („ästruäouäm äisoixlinis"), von denen das erste eine allgemeine Einleitung enthält. Vivesliebt es, in seinen Einleitungen mit einer philosophischen Construction der Urgeschichteund der Entwicklung der Gesellschaft zu beginnen. Dies geschieht hier mit besondererAusführlichkeit, indem er zu zeigen versucht, wie der Mcusch zuerst bloß um seine Existenzzu kämpfen hatte, dann aber, als der Druck dieses Kampfes uachließ, an der ErkenntnisFreude gewann. Bloß von der Lust der Entdeckung und vom Stolz über das Gefundenegeleitet, verlor sich sein Geist ganz in diesem Streben und schon begann dasselbe aus-zuartcn, als einige hervorragende Geister mit der Frage nach dem Zweck dieses TreibensHalt geboten und statt der endlosen und ruhelosen Forschung nach dem Sinnlichen,Höheres zu gewinnen trachteten, was dem Geist Ruhe und volle Befriedigung gäbe.Hier aber mußte die Offenbarung zu Hülfe kommen, die dem Menschen die Ewigkeit alssein wahres Ziel enthüllte. Hier liegt das Eine, was Noth thut. Der Mensch vermagWohl ohne die Wissenschaften, nicht aber ohne den Glauben sein Ziel zu erreichen. Ja,der Religion gegenüber verhält sich unser ganzes wissenschaftliches Streben, wie dasSpiel zur ernsten Arbeit des Lebens. Wie aber das Spiel als Hebung der Kräfteund als Erholung seine Bedeutung hat, so die Wissenschaften für das höhere Geistes-leben.
Hierauf kommt Vives nochmals auf die Entstehung der Wissenschaften zurück undschildert dieselbe in ganz baconischer Weise.*) Als Erfinder der Wissenschaften, heißtes sodann, könne man sowohl diejenigen betrachten, welche die ersten Beobachtungenmachten, als auch diejenigen, welche aus den Erfahrungen Lehrsätze entnahmen (gui äs
*) VI. 249 k. eä. Lisch: „Initio uns stgue sltora experiontis ex sämirstiono novitsti»snnotsbstur sä usum vitse, ex sinAulsribus sliguot oxpsrimontis volligsbst mens uinvorss-Ittstsm, guss eompluribus äeinosps sxpsrimentis scsi Ms et eovürmsts pro eerts sxplorstsgusIisbsrstur: trsäsbatur tum Postens, sääsbsnt sin, guss sä sunäem usum Anemone perti-nersnt. Hsse vollsots per msgnl so prssesllontis inAsnü viros äisoipliuss sive srtos etwas-runt" . . . „(juiäguiä nun« ost iu srtibus, in nsturs prius kuit."