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Bives.
die Christen müßen sich schämen, daß das Leben ihrer heiligsten Männer nicht wahr-heitsgetreuer überliefert sei. — Andere Schriftsteller sind wahrheitsgetreuer, begehenaber den Fehler, uns nur Nebensachen zu berichten und die Hauptsachen zu übergehen;wieder andere schrecken ab durch ihren Stil, denn wenn auch Wahrheit bei der Geschichtedie Hauptsache ist, so wird doch der Leser durch die Darstellung eines Livius, Tacitus,Thucydidcs angelockt, durch die Schreibweise der Neueren abgeschreckt. Auch diejenigen,welche in den neueren Sprachen schreiben, findet Vives langweilig, Was um so schlimmersei, weil dadurch die Leute zu den unterhaltenden Lügenbüchern getrieben werden. DasBuch schließt mit einem scharfen Tadel der Nitterromane, wie des Amadis, Florisand,Lancclot, der Tafelrunde, des Noland n. s. w., durch deren Lectüre der Geist so ver-dorben werde, wie der Magen durch beständigen Genuß von Zuckerwcrk.
Das dritte Buch, vom Verfall der Dialektik, ist besonders sorgfältig ausgeführtund von großem Werth, sowohl für die Geschichte der späteren Scholastik, als auchdurch kritische Bemerkungen über Aristoteles selbst von überraschendem Scharfsinn.Gleichwohl werden wir uns hier kurz fassen, da eine ausführliche Darstellung uns zuweit vom Pädagogischen ablenken würde und eine starke Abkürzung nicht möglich ist,wenn die Sache verständlich bleiben soll. Auch können wir für den größeren Theil desBuches auf dasjenige verweisen, was über die Schrift gegen die Pseudodialektikcr mit-gethcilt wurde, deren Inhalt hier in weiterer Ausführung und ruhigerer Begründungwieder erscheint. Vives beginnt aber hier mit einer Kritik des Aristoteles selbst, welche,in der Sprache unserer gegenwärtigen Philosophen nichts geringeres enthält, als einescharfe und klare Durchführung des Gedankens einer formalen Logik gegenüber derVermengung von Logik und Metaphysik, an welcher die aristotelische Logik leidet, dieaber von unseren heutigen Aristotclikern zu einer über die gemeine logische Technik weiterhabenen Erkenntnistheorie umgcstcmpclt wird, in welcher das wahre Wesen der aristo-telischen Logik bestehen soll. Diese Kritik beweist nicht nur, daß Vives seine Rcductionder aristotelischen Logik mit voller principieller Klarheit durchgeführt hat, sondern sie
enthält auch einzelne Argumente, welche bis auf den heutigen Tag noch nicht wieder
mit gleicher Sicherheit und Schärfe entwickelt worden sind. Dabei hebt Vives nurHauptpuncte hervor und giebt das Nöthige in gedrängter Kürze. Ebenso scharf, wiedas Metaphysische, scheidet Vives das Grammatische aus der Logik aus, wiewohl erhier einräumt, daß Aristoteles selbst, der noch keine Wissenschaft der Grammatik vor-fand, mit Recht einige grammatische Erörterungen ausgenommen habe, was jedoch füruns nicht maßgebend sein kann. Unter diesem Titel weist Vives auch die ganze Lehrevon der Modalität der Urtheilc (nach unserer Ueberzeugung, die wir an einem anderenOrte zu beweisen hoffen, mit Recht) aus der Logik hinweg mit dem bemcrkenswcrthcnSatze, daß die Ausdrücke der Modalität nicht anders zu betrachten sind, als andere
Adverbia, und daß „unmöglich" für die Logik nichts anderes heißt, als niemals,
notwendig so viel als immer und möglich so viel als bisweilen. Wenn dieseErklärung auch die Sache nicht vollständig erledigt und nicht alle Bedeutungen des„Möglichen" erschöpft, so trifft sie doch in der Hauptsache den Nagel auf den Kopf.Freilich ist die Lehre von der Modalität bei Aristoteles zugleich eine durch und durchmetaphysische uud der Umstand, daß Vives die Sache nicht auch von dieser Seitegefaßt hat, wird Wohl auf einem mangelhaften Verständnis der aristotelischen Meta-physik beruhen; aber im Grunde beruht auch der metaphysische Fehler hier wieder auseiner Ueberschätzung der objectiven Bedeutung des sprachlichen Ausdrucks.
Hier, wie in dem Abschnitt von der Logik der Neueren, auf den wir nicht nähereintreten wollen, hebt Vives mehrmals hervor, wie unpädagogisch es sei, die Dialektikim Lehrvertrage unmittelbar auf die Grammatik folgen zu lassen; zumal eine so meta-physisch gehaltene Dialektik, von welcher unreife Knaben ganze Abschnitte, wie z. B.die ohnehin dunkle und widerspruchsvolle Lehre von den Kategorieen, gar nicht genießenkönnen. Ebenso wenig eignen sich die sophistischen Spitzfindigkeiten der Scholastiker für