Vives.
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Endlich hat man die sophistische Streitsucht, so schwer cs angeht, anch in dieGrammatik hincinzntragcn gewußt. Freilich, wenn gefragt wird, wer den ersten finnischenKrieg beendigt habe, oder wo Acneäs nach den Stürmen zuerst gelandet sei, so kannman das nur wissen oder nicht wissen, aber man kann nicht lange darüber streiten.Daher haben sie aus der Dialektik die Lehre von den Definitionen und Eintheilnngcn,die Argumentationen, den Major und Minor und die Conclusio, aus der Metaphysikdie roalitas, kormalitas und entitas, den moclus sissniüeancli u. s. w. in die Gram-matik verpflanzt, und die Frage aufgeworfen, warum dieses Wort Masculinum, jenesNeutrum, dies Verbum activum, jenes deponens sei. Dies erklärt Vives für dasTollste, was jemals erdacht worden sei.
Hierauf geht der Verfasser, seinem umfassenden Begriffe der Grammatik entsprechend,auf eine Kritik der Poesie und der Geschichte über, wobei freilich, vermöge derschon erwähnten Einseitigkeit seiner Richtung, das eigentlich Aesthctischc in der Poesienicht zu seinem Rechte kommt und damit das ganze Urtheil ein schiefes wird. Sowird es z. B. dem Homer sehr verübelt, daß er den grausamen und unmenschlichenAchilles als Muster eines Fürsten, den betrügerischen und verlogenen Ulysses als Bildeines Weisen hingestellt habe. Der leichtfertige Ovid wird gewaltig gescholten, weil eres gewagt, von seiner Poesie zu sagen: „Hst äeus in nobis." Vives stellt geradezuden Grundsatz auf, daß die Poesie nur in der Form, nicht im Inhalt bestehe. Wennerst der ein Dichter sei, der Lügen verherrlicht, so will er von der ganzen Dichtkunstnichts wissen. In der Komödie stellt er die modernen Dichter, was den Inhalt bc-lrifft, weit über einen Aristophanes, Plautus und Terenz, weil die Neueren in derRegel nützliche Lehren mit der Ergötzung zu verbinden suchen. In der Form dagegensind ihm die Alten Meister und er beklagt, daß die barbarischen Horden der Völker-wanderung jenen feinen Sinn der Alten für den Rhythmus und die Quantität derSilben vernichtet haben, statt dessen man, um ihren Eselsohren zu schmeicheln, denGleichklang der Endsilben habe einführen müßen.
Neben diesem gut gemeinten Abschnitt (bei welchem man übrigens bedenken muß,daß ähnliche Grundsätze, bloß ohne diese Schärfe der Consequenzen in jener Zeitsehr verbreitet waren) steht nun eine kurze Kritik der Geschichte, die man unbedenklichzu den bedeutenderen Partieen des Buches zählen darf, wiewohl auch hier sich Unbillig-keiten finden; namentlich in einer viel zu harten Beurtheilung der griechischen Schrift-steller gegenüber den lateinischen. Auch fehlt der Begriff des Mythus noch gänzlich.Für Vives ist alles entweder Wahrheit oder Jrrthnm und in letzterem Falle ist erschnell mit dem Vorwurf der Lüge bei der Hand. Daneben finden sich aber scharf-sinnige Versuche, die historischen Jrrthümer aus wörtlicher Auffassung poetischer Aus-drücke, ans der Verwechslung von Personen gleichen Namens, aus dem Mangel einersicheren Chronologie u. s. w. herzuleiten. Außerdem habe Uebertreibungssucht undnationale Eitelkeit eine große Rolle gespielt. In Griechenland soll besonders die großeFülle an Talenten dazu geführt haben, da jeder meinte, etwas möglichst großes undunglaubliches Vorbringen zu müßen, um sich neben den anderen bemcrklich zu machen.Seinem Friedensprincip bleibt Vives auch hier getreu; er findet es höchst verwerflich,daß man in der Geschichte einen Cäsar preise, der im Bürgerkriege so vielen Menschendas Leben geraubt habe; im Grunde aber sei jeder Krieg ein Bürgerkrieg („gnick aliuäsunt omnia intor llomiues bsUn, yuani oivilia? VI. x. 106 sä. Lias."). Vives schließtdas Buch mit einem Blick auf die neueren Schriftsteller, wobei die Schärfe Erwähnungverdient, mit welcher er die Legenden vernrtheilt. Wie die weltlichen Geschichtschreibernach ihrem nationalen Standpunct Partei nehmen, so, meint Vives, behandeln dieVerfasser der Legenden ihre Heiligen, je nachdem sic ihnen zugcthan sind, so daß dieHerzensneigung und nicht die Wahrheitsliebe die Geschichte schreibt. Die „leFenckaanreg." tadelt er mit harten Worten; sie sei nicht golden, sondern geschrieben von einemMenschen „terrei oris, xlnmbei ooräis." Nichts sei schimpflicher als jenes Buch und