auf Realkcnntnisse und auch die Philosophen sind, wo sie Geschichtliches und Natur-wissenschaftliches berühren, stets genau mit der Sache bekannt, weil sie eine allscitigeVorbildung hatten. Heutzutage entschuldigt sich jeder damit, daß diese Dinge nicht zuseinem Fache gehören. Sie halten cs für sehr gelehrt, wenn sie mit allgemeinen Be-griffen erklären, wie z. B. Gallien ist der Name des Landes, Strauß ist ein Thier,Coloquinte ist der Name einer Frucht, Cyrus ist der Name eines Mannes. — Zuletztkommen auch noch die verdorbenen Sitten der Professoren, der üble Einfluß der akade-mischen Grade und andere auf die Träger der Wissenschaft bezügliche Verhälnisse zurSprache. Von pädagogischem Interesse sind dabei noch besonders die Bemerkungen überdie Geringschätzung der Lehrer am Schluffe des Buches. Vives leitet dieseUnart aus dein Alterthum her, wo die Lehrer Freigelassene waren. Die Meinung, daßder Schüler höher stehe, als der Lehrer, sei so allgemein, daß jeder Handwerker oderKutscher den Lehrer seines Sohnes, wenn er auch aus guter Familie ist, für geringerhält als seinen Sohn, blos weil er eben Lehrer ist. Daher kommt es, daß ausgezeichneteGeister ein Amt, welches doch so hoch steht, verschmähen, und die Schulen, von denendie Bildung des ganzen Menschengeschlechts abhängt, rohen und gemeinen Naturen überlassen.
Das zweite Buch handelt vom Verfall der Grammatik, wobei Vives von vornherein den alten, umfassenden Begriff der Grammatik im Sinne der Philologie wieder-herstcllt, den (litoratns) vom (ll^rutor) unterscheidet und
von diesem Boden aus der scholastischen Geringschätzung der Grammatik entgegentritt.Die Sprache gehört dem Volk und ist wandelbar, so daß man schon nach hundertJahren kaum mehr versteht, was früher gesprochen und geschrieben wurde. Daher be-darf man besonderer Wächter und Verwalter des Schatzes der Literatur und dies istdas Amt des Grammatikers. In pädagogischer Hinsicht hat er die Aufgabe, zuerstden Mund und die Hand des Knaben zu bilden, sodann aber seinen Geist, so daß eran die übrigen Wissenschaften herantritt mit einem reichen Rüstzeug aus denjenigenSchriftstellern, welche er beim Grammatiker gelesen hat. Man kann nicht daranzweifeln, daß Vives hierbei vor allen Dingen auch an den Inhalt des Schriftstellersund die genaue sachliche Erklärung gedacht hat.
Es folgt dann eine Polemik gegen diejenigen, welche der Sprache gar zu engeGrenzen ziehen und jedes Wort verbannen wollen, welches sie nicht bei ihren wenigenMustcrschriftstcllern gelesen haben. Auf diese Art verwirft man über ein Drittel guterlateinischer Wörter, die zum Theil für den Inhalt der Wissenschaften und Künste ganzunentbehrlich sind. Wie viele Wörter und Wendungen kommen nur an einer einzigenStelle vor; hätte uns der Zufall noch diese genommen, so würden wir echt Römischesverbannen. Vives wendet seinen Tadel hier auch gegen Laurentius Valla, den ersonst hoch schätzt und der gewiß in mancher Beziehung anregend auf Vives gewirkt hat.
Ein Hauptgrund des Verfalls der echten Grammatik ist nun aber das oft gehörteVornrtheil, daß die humanistischen Bestrebungen dem Christenthum nachtheilig seien, daßdie Sprachen, d. h. das genaue philologische Studium derselben, eine Pflanzstätte derJrrthümer seien. Diesem Vorurthcil tritt Vives in einer längeren Erörterung entgegen,in welcher er unter anderem zu zeigen versucht, daß die Katholiken mindestens ebensogute Stilistiker haben, als die Protestanten. Um diese Stelle richtig zu würdigen, mußman wohl im Auge behalten, daß sie nach Zweck und Zusammenhang durchaus nichtgegen die Protestanten gerichtet ist, sondern gegen die Mönchspartei, welche mit jenemVorwurf die Erasmianer zu treffen suchte. Wie viel, fügt daher Vives ironisch hinzu,verdanken doch diese Verläumder selbst gerade dem Latein, bas sie so eifrig verfolgen!Wenn sie ihre Schmähungen gegen die Sprachen in irgend einer Volkssprache vor-brächten, so würden sie vom Volke ausgezischt und hinausgeworfcn. So aber, da siedoch eine Art von Latein stammeln, werden sie vom Volke nicht nur geduldet, sondernsogar verehrt, da die Menge glaubt, in der lateinischen Sprache sei nichts enthalten alslauter Mysterien.