Vives.
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sassers, die Schriften völlig verstehen könne. Dazu kommt noch das Schicksal derHandschriften, die uns in sehr entstellter Form überliefert sind. Auch habe Aristotelesaus Ehrgeiz seine Vorgänger nur überall getadelt, statt objcctive Mitthcilungcn auS ihrenSchriften zu machen; da habe er denn wohl gefürchtet, daß eS ihm ebenso ergehen mögeund deshalb nicht recht hcrausgcrcdet. Durch diese Zweideutigkeit und durch die Mengeder Erklärer, die alle ihre subjectiven Meinungen unterschieben, sei eine Fülle vonJrrthümern entstanden, abgesehen von denjenigen, worin schon die Alten geirrt hätten.Alle diese Fehler seien durch Denkträghcit und Auctoritätssucht fortgepflanzt worden undder Fanatismus, mit welchem man jede neue Ansicht als Ketzerei verschrie, habe denFortschritt gehindert.*) Diese Betrachtung schließt mit einigen Beispielen von Jrrthümernder Alten und cs folgt darauf ein ausführlicher und für die damalige Zeit höchst ver-dienstvoller Abschnitt über den Werth und die Bedeutung der p hilologischen K ritik,deren Untergang als einer der wichtigsten Gründe des Verfalls der Wissenschaftenbetrachtet wird. Hier dringt Vivcs in herbem Tadel des üblichen Leichtsinns auf strengeUnterscheidung der Quellen, der älteren und glaubwürdigen von den jüngeren undunglaubwürdigen Autoren, auf sorgfältige Revision der Texte, über deren Fehler sichscharfsinnige Erörterungen finden. Er verlangt Aussonderung der unechten von den echtenSchriften, dringt auf Berücksichtigung der Zeit und Umstände, unter denen eine über-lieferte Aeußerung geschehen ist, und entwickelt überhaupt Grundsätze, die fast durchgehendnoch heute ihre Geltung haben. — Eine weitere Ursache des Verfalls ist die Ausartungder Disputationen, die ehemals nur als Uebungcn des Geistes für junge Leutebehandelt wurden und zwar, nachdem sie bereits etwas gelernt hatten. Heutzutagemeint Vives, sollen die Knaben schon am ersten Tage, an dem sic zur Schule gebrachtwerden, disputiren und man richtet sie ab, zu zanken, bevor sie reden können. In dersehr lebhaften Ausführung dieses Punctes finden wir die Gedanken der Schrift gegendie Pseudodialcktiker und des Dialogs „Sapiens" gereifter wieder; doch sind die Farbenin der Zeichnung der scholastischen Streitsucht zum Theil noch stärker aufgctragen.Besonders hervorgehobcn wird die Untergrabung des Wa hrh e i t s s innes durchden Meinungskampf, bei dem es nur auf den Sieg, gleichviel mit welchen Mitteln,ankommt; ferner die Vernachläßigung ernster Studien, namentlich wo es sich umSachkenntnis handelt, und das gänzliche Zurückschicben der mathematischen Wissen-schaften, bei denen es auf Anschauung, Nachdenken und schweigende Betrachtung ankomme.— Statt der wahren Quellen, heißt es weiter, wendet man sich an dürftige Compi-lationen und abgeschmackte Kommentare. Statt des Livius lesen sie den Vincentius,statt des Valla das Katholikon, statt der Kirchenväter die Verfasser von theologischenCommentaren, statt des Aristoteles den Avcrroes. Als besonders verderblich wird dasübliche Brodstudium geschildert. Wer des Gewinns wegen studirt, bemerkt Vivestreffend, würde natürlich am liebsten den Gewinn ohne alles Studium haben. Dahersuchen sie gleich auf kürzestem Wege zum Ziele zu kommen. Die Mediciner lesen nurBücher über „praktische" Medicin, die Juristen studiren Anklageformulare und dasProceßverfahren; das eigentlich Wissenschaftliche aber verachten sie. Ehemals verwandteman sieben Jahre auf das Studium der sieben freien Künste, dann kürzte man denCursus auf 5 und endlich gar auf 3'/- Jahre ab; aber auch das ist ihnen noch zu viel.Vives schildert dann, wie nicht nur die Knaben, von denen cs nicht zu verwundern sei,sondern auch die älteren Schüler begierig nach jedem Fericntage Haschen und die Schule wieein Gefängnis ansehen. Diesem Sinne kommen verderbliche Abkürzungen und Auszügeentgegen. Die Folge eines so oberflächlichen Studiums ist dann ein erschreckenderMangel an Sachkenntnis. Viele Worte der alten Sprachen verstehen wir gar nichtmehr, weil uns die dazu gehörigen Anschauungen fehlen. Die Alten selbst legten Werth
*j VI. p, 41 ruft Vives aus: „VN guunto so kruotu äisoixlinurum kruuäunt, guoä ssmpsraliis ersännt, nunguum uä ss ipsi rsvsrtuntur, noo ss voeant in Konsilium, ut sxaminsnt,ouiusmoäi sint, onus tuntu eura nääisount."