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9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
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Vives.

und flüchtig geschriebenen Briefenäs ratione stuäii," ist auch seine Bedeutung für dieGeschichte der Pädagogik zu suchen.

Im Vorwort rechtfertigt sich Vives wegen der starken Abweichung von der Ueber-lieferung, die sein Unternehmen mit sich bringe, insbesondere wegen seiner Stellung zuAristoteles.*) Er bewundere diesen als einen Geist von einziger Begabung undhohem Verdienst um die Wissenschaften, allein auch Aristoteles sei als Mensch mitJrrthümern behaftet. Die Zeiten sind' fortgeschritten und wir stützen uns auf eineungleich größere Reihe von Beobachtungen. Aristoteles selbst hat die Ansichten allerseiner Vorgänger verworfen und wir sollten die scinigcn nicht einmal prüfen dürfen?Die Wahrheit steht allen offen; niemand hat sie in Besitz genommen; zu einem großenThcil ist sie der Zukunft Vorbehalten. Vives zweifelt nicht, daß auch er Fehler machenwird, und lobt zum voraus den, der ihn verbessern wird. Auf einen Kampf darüber,wer Recht habe, wird er sich nicht cinlassen.Ihr Jünger der Wahrheit," ruft ergegen Schluß des Vorwortes aus,wo immer ihr sie erblickt, nehmt ihre Partei: michaber, sei ich noch unter den Lebenden oder nicht, überlasset meinem Richter, dem alleinn;ein Gewissen Rechenschaft geben wird."

Das erste Buch von den Ursachen des Verfalls der Wissenschaftenbeginnt, weit ausholcnd, mit einer Schilderung des Entstehens der Wissenschaftenund Künste und der allmähligen Ausscheidung derjenigen, auf welchen die höhereBildung beruht, der sieben freien Künste und der höheren FacultätSstudicn, wobei Vivesnoch hcrvorhebt, daß die Theologie und das Recht sich auf die Moralphilosophic stützenund daß die Medicin ohne Studium der Naturwissenschaft nichts sei. Vollkommene undreine Wissenschaften hat es niemals gegeben, wohl aber eine Zeit des Fortschritts, aufwelche nachher Erschlaffung und Rückschritt eingctreten ist. Die Gründe des Verfallsreichen zum Theil bis in die Zeit des Entstehens der Wissenschaften zurück, haben abererst im Verlauf der Zeit über die treibende Kraft des Geistes das Uebcrgcwicht gewonnen.Außer der natürlichen Unvollkommenheit des menschlichen Geistes sind cs namentlichmoralische Mängel, aus welchen sich das Uebel entwickelte; vor allem der Hochmuth,der ohne ernste Arbeit die verborgensten Dinge lehren wollte. Aus dieser Ucberhebungentstanden die falschen Wissenschaften der Astrologie, Magie u. s. w., von denen danndie wahren, wie Astronomie und Naturlehre mit angcsteckt wurden. Dazu kommt dieeitle Sucht nach dem Ruhme eines Erfinders. Vives erzählt hier, er habe in Pariseinen Studicngcnossen gehabt, der offen erklärte, ehe er darauf verzichte, eine neueLehrmeinung aufzustellen, werde er lieber etwas behaupten, von dessen Unrichtigkeit erselbst überzeugt sei. Der gleiche Hochmuth führt Juristen, Philologen u. s. w. zurblinden Ueberschätzung der eigenen Wissenschaft und Verachtung alles andern. Mit dieserEinseitigkeit verbindet sich der Neid der Professoren, die Scheu etwas von andern zulernen, die standhafte Behauptung einmal ausgesprochener Jrrihümer und endlich Habsuchtund Ehrgeiz, durch welche der höhere Zweck aller Wissenschaften verdunkelt wird.

Es folgt die historische Erörterung des Verfalls der Wissenschaften, welcher mitden Verwüstungen der Völkerwanderung beginnt. Vives klagt sodann über die Dunkelheitin den Schriften der Alten, die oft so groß sei, daß man schneller das, was sie lehren,aus der Natur entnehmen, als aus ihren Worten cnträthseln könne. Besonders Ari-stoteles leide an diesem Fehler und Vives sucht zu beweisen, daß diese Dunkelheitabsichtlich angewandt sei, damit niemand, ohne den mündlichen Unterricht des Vcr-

*) In der im Text nicht erwähnten, übrigens auch nichts neues bietendenlleirsura äs^.ristotvlis opsridns," welche Vives zn der Baseler Ausgabe des Aristoteles von 1538 beisteuertex. 25 fs.. Llaj.s, nennt er Aristoteles den größten Geist der Griechen, die selbst mitUnrecht den Homer dafür gehalten hätten. Dies hindert ihn freilich nicht, ihm mehrfach ab-sichtliche Dunkelheit, Verschmitztheit und Zweideutigkeit vorznwcrfcn. Vives Nachfolger im Kampsgegen die Scholastik, wie Gassendi und PetruS RamuS, schlugen dann freilich durchgängigeinen andern Ton an, während sie doch in der Sache überall ans Vivcö fußen.