Vives.
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Dazu beherrschte er den Bildungsstoff seiner Zeit in ungewöhnlichem Maße. Wenigekannten, wie er, das Scholastische und Humanistische gleich gründlich; wenige vereinigtenin so hohem Maße Sachkenntnis, namentlich auf historischem Gebiete, mit Beherrschungder Sprache. Ein besonderer Vorzug ist noch, daß er neben dem Lateinischen — hierinsehr verschieden von Erasmus — auch den neueren Sprachen große Sorgfalt zuwandte,deren er mehrere vollständig beherrscht haben soll. Anregende Vielseitigkeit und würde-voller Ernst vereinigten sich in seinem Wesen. Als Philologe und Historiker verbander eine warme Begeisterung für den Stoff mit echt kritischem Sinn;*) die Bildung anMathematik und Naturwissenschaft hat er, wiewohl sic ihm persönlich ferner lag, durchseine Empfehlung, wie durch seine Kritik der Methoden vielleicht mehr gefördert, alsirgend ein anderer Pädagoge seines Zeitalters und bis auf bedeutend spätere Zeitenhinab. Endlich verband er eine glühende Frömmigkeit, die sich stets an die einfachenHauptsachen hielt, mit einer, in damaliger Zeit selbst bei hochgebildeten Männernseltenen Freiheit vom Aberglauben aller Art. — Neber seine praktische Betätigung alsErzieher sind wir leider nur sehr unvollkommen unterrichtet, doch ist so viel gewiß, daßer nach allen Seiten orientirt und mit den mannigfaltigsten Erfahrungen ausgerüstetwar, wenn er schon nur während einer ziemlich kurzen Periode mitten im Schullebcnstand. Eigne Kinder scheint Vives nicht gehabt zu haben, dagegen lernte er die häuslicheErziehung in der Familie Valdaura schon frühzeitig kennen; und wie sehr ihn auch gegenEnde der Löwcner Periode mit Sehnsucht nach einem freieren wissenschaftlichen LebenUeberdruß an der erdrückenden Schularbeit ergriff, so können wir doch aus zahlreichenZügen entnehmen, daß er mit voller Hingebung und mit warmer Theilnahme dcSHerzens für seine Schüler gearbeitet hat. Vor allem crgiebt sich dies aus der Art, wieer derselben noch in seinen spätesten Schriften häufig gedenkt, und aus seinem Brief-wechsel, der uns zeigt, daß er mit vielen seiner früheren Schüler in ein dauerndesFreundschaftsverhältnis trat.
Um aber nun Vives pädagogische Ansichten näher kennen zu lernen, beginnenwir mit einer Analyse seines Hauptwerkes „äo äisoiplinis" und zwar in der Weise,daß wir alles, was unmittelbar pädagogische Bedeutung hat, einläßlicher wiedergeben, imübrigen aber Plan und Gedankcngang des ganzen Werkes summarisch vorführen. Dasselbezerfällt aber in zwei, oder wenn man die oben besprochene Sammlung logisch-metaphy-sischer Abhandlungen mitzählt, in drei Hauptthcilc, von denen die beiden ersten, diesieben Bücher „äe euussis oorrupturum urtium" und die 5 Bücher „äo traäsnäisäisoipliuis" gleichsam den negativen und positiven Theil einer eucyklopädisch-kritischenRundschau über die Wissenschaften und den Unterricht in denselben bilden. Diese Arbeitist es hauptsächlich, auf welche sich Vives Anspruch begründet, zu den bahnbrechendenGeistern ersten Ranges gezählt zu werden,**) und hier vor allem, nicht in den kleinen
*) Jos. Just. Scaliger soll von Vives u. a. geäußert haben: Vives knit äootus, guassoripsit in ^UAUstinnm sunt optima si speotsmus iilucl saooulum, sock si nostrnm niliilost." LoaliAsraiia, sei. 6ol. 1695 p. 411.
**) Es ist schwerlich viel übertrieben, wenn Majans, vita V. p. 105 sagt: „lüx Iioo laborsmaximo Vivisno bibsrunt gnotguot ernäiti äs literis post oum bons moriti kusrunt."Vnärss, Osli orig'iiie, pro^ressi s stato attuats ä' vAni lettsintnra, I?armu 1785, I, p. 394sagt mit Beziehung auf dies Werk, er halte es für ein eben so großes Wunder von Gelehrsamkeit,gesundem Verstand und richtigem Urthcil im Anfang des 15. Jahrhunderts, wie cs das OrganonBacons im Anfang des 16. war. — Nach Ramsche, x. 51 erschien das Werk 1531 zuerst inBrügge, sodann im gleichen Jahre in neuer Auflage in Antwerpen und im folgendenin Cöln. In meinem Besitz befinden sich zwei Cölncr Ausgaben, von 1532 und 1536;ferner eine Lyoner von 1551 und eine Leidener slm^äuiii llutavorum; Ramsche bezeichnetdiese Ausgabe irrthümlich als Lyoner) von 1636. Außerdem erwähnt Ramsche noch eine Orfo rderAusgabe mit Anmerkungen von 1612, was wegen der Beziehungen zwischen Vives undBacon von besonderem Interesse ist. Die beiden letzteren Ausgaben enthalten nur 12 Bücher,die früheren 20, indem der oben erwähnte heterogene „dritte Theil" in diesen mitgezählt ist.