seines Lebens angehörcn, in Muße, wenn auch vielleicht zeitweise von Nahrungssorgenbelästigt, ausarbeiten konnte. Wenn Majans annimmt, Vives habe diese Jahre indrückendster Armut verlebt, so ist das wohl übertrieben. Seine Frau und ihre Ge-schwister betrieben wahrscheinlich das kaufmännische Geschäft im elterlichen Hause weiter.Im I. 1529 floh Vives mit seiner Frau vor der schrecklichen Epidemie des englischenSchweißes nach Lille (»Insuls,»?); als auch hier die Krankheit ausbrach, ließ sich seineFrau, die sich gar nicht fürchtete, nicht länger halten und kehrte nach Brügge zurück.Vives konnte sich, wie es scheint, trotz seiner stoischen Grundsätze noch nicht zur Rückkehrentschließen und nahm sich vor, mit seinem Schwager Valdaura, der in Paris Mcdicinstndirte, dorthin zu reisen und seine alten Freunde noch einmal zu besuchen. Er kehrteaber dann, als günstigere Nachrichten von Hause cintrafen, ebenfalls unterwegs wiederum. Später, im I. 1536, hielt Vives noch einmal in Paris Vorlesungen, und zwarüber den Hyginus, von dem er gleichzeitig auch für seine Zuhörer eine neue Ausgabebesorgte. Näheres wissen wir über diesen Aufenthalt nicht; ebenso ist unbekannt, obdiese Vorlesungen in Paris ganz vereinzelt waren, oder ob Vives während dieser Periodewieder öfter ein akademisches Semester mitmachte. Im I. 1531 ließ Vives eineSchwester ans Spanien zu,sich kommen, damit sie sich entweder in den Niederlandenverheirathen oder in seiner Familie bleiben könne; ein Umstand, der nicht gerade fürdrückende Armut spricht. Zn gleicher Zeit freilich bemühte sich Vives, durch denKaiser wieder eine gesicherte Existenz zu erlangen, vielleicht ein Jahresgehalt, wie dasin England verlorene; ob mit Erfolg, wissen wir nicht, doch scheint das freundlicheVerhältnis zum Kaiser sich wieder hergestcllt zu haben. Von einem nenncnswerthenEinfluß eines so frei denkenden Mannes auf den Kaiser konnte in dieser Zeit natürlichkeine Rede mehr sein; doch zeigt der Umstand, daß er seine lateinischen Schülcrgcsprächezunächst für den Gebrauch beim Unterricht Philipps II. verfaßte, Laß der Kaiser ihmgroßes Vertrauen schenkte. In den Jahren 1537 bis 1539 war Vives mehrmals fürlängere Zeit in Breda, bei der Herzogin von Nassau, einer vornehmen Spanierin vonGeburt, welche Vives Schülerin gewesen sein soll. *) Im December 1538 schreibt Vivessogar, er werde bis zum nächsten Frühling in Breda bleiben, um die Gräfin in ihrergroßen Trauer über den Tod ihres Gemahls nicht im Stiche zu lassen. Diese jeden-falls hochgebildete Dame heirathete später den Herzog von Calabrien, welcher alsStatthalter in Vives Vaterstadt Valencia residirte und dort wurde sie eine einflußreicheBeschützerin der Wissenschaften. Vives erwähnt sie als hoffnungsvolles Mädchen schonin seinem Buche »clo Olrristirum Ismina« (IV. p. 83 sä. Nach); ob er sie aber schondamals (1523) unterrichtet hatte, oder ob er erst später während seines Aufenthaltesin Breda ihr Lehrer wurde, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen.
Seit seiner Rückkehr aus England klagte Vives, der auch früher schon oft mitKrankheiten und Unwohlsein zu kämpfen hatte, mehr und mehr über ein Gichtleiden,welches immer hartnäckiger wurde. Trotzdem blieb er fast ununterbrochen geistig thätigund seine größten und einflußreichsten Werke entstammen dieser Epoche. Als er am6. Mai 1540 zu Brügge starb, **) hinterlicß er noch das große apologetische Werk äsveritats tickst Oliristianas, an welchem er, nach dem Zeugnis des Herausgebers Erane-feld, mehr gearbeitet haben soll, als an irgend einem seiner früheren Werke. Kaumhatte er dasselbe vollendet, als er den Schmerzen seiner Gicht und eines Steiuleidensund den hinzutretenden Fiebern erlag. Er brachte sein Alter auf 48 Jahre und2 Monate.
Von den Werken dieser Periode gehört die noch nicht erwähnte ethische Abhand-
*) Vgl. vita Vivis. I, p. 216 tk. sä. Ns).
**) Da Vives Todesjahr sehr verschieden angegeben wird, so verdient hcrvorgehoben zuwerden, daß Majans I. x. 161 die Inschrift seines Grabdenkmals anführt, welche hierüber diegenaue Angabe enthält, daher über diesen Punct wohl kein Zweifel mehr bestehen kann.