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Vives.
Einkünfte den größten Theil der Armen unterhalten; wenn sie nicht wollen, wirdChristus sic strafen. Gewaltsame Selbsthülfe will Vives nicht, weil es noch besser sei,daß den Armen etwas entzogen bleibe, als daß Streit entstände. Keine Geldsumme,sei sie auch noch so groß, darf den Christen so viel Werth sein, daß sie darüber zn denWaffen griffen. Wo aber der Staat eine Aenderung herbeiführen kann, ohne daß Bür-gerkrieg zu befürchten ist, da scheut sich Vires auch nicht vor durchgreifenden Maß-regeln. So will er z. B., daß die Hospitäler alle unter Staatsverwaltung gestelltwerden sollen; er habe gehört, die Einkünfte derselben seien so bedeutend, daß sie beirichtiger Verwaltung für alle Armcnbedürfniffe, sogar für außerordentliche Nothfälle,ausreichen würden. Ebenso will er mit den Frauen kurzen Proceß machen, die ur-sprünglich zum Zweck christlicher Dienstleistungen in Hospitäler eingetreten seien, dannaber die Armen fern gehalten und sich aus Dienerinnen zu Herrinnen gemacht hätten.Solche Anstalten sollen ohne weiteres ihrer ursprünglichen Bestimmung wiedergegebenwerden. Reiche Hospitäler sollen ärmere unterstützen; ein Ueberfluß an Geld soll über-haupt nie vorhanden sein. Was zn viel ist, schicke man lieber an andre Orte. Wennes fehle, veranstalte man außerordentliche Sammlungen. Vor allen Dingen soll mansich aber hüten, Laß nicht die Geistlichen unter dem Vorwände der Religion und umMessen dafür zu lesen, das Geld für sich verwenden.
Mit den Armen selbst verfährt Vives durchaus nicht schwach oder weichlich. DieGreuel des Bcttelweseus damaliger Zeit werden vielleicht nirgends', so nachdrücklich ge-schildert, wie hier; auch ist der Verfasser überzeugt, daß er zwei Hauptclassen von Geg-nern haben wird: die Bettler selbst und die bisherigen Verwalter der Armcngüter.Sehr richtig wird geschildert, wie die Bettler sich an ihr Elend selbst gewöhnen undden Reiz des Vagabundcnlebens über alles stellen und wie sie die Arbeit ärger scheuenals die Pest. Aber hier soll durchgegriffen werden. Die arbeitsfähigen sollen von denandern streng gesondert und zwangsweise zur Arbeit herangezogen werden und zwarsollen diejenigen, welche ihr Hab und Gut unter Ausschweifungen vergeudet haben, zuden beschwerlichsten Arbeiten angehalten und schlechter unterhalten werden, als die an-dern. Specieller auf das Einzelne cinzutreten, würde hier zu weit führen. Wir be-merken nur noch, daß sich in der ganzen Abhandlung sehr wenig Verfehltes oder schlecht-hin Unausführbares findet; sie eilte ihrer Zeit voran, trägt aber durchweg das Geprägeeines eminenten Verstandes, verbunden mit ernster und edler Gesinnung.
In den Jahren 1526 und 1527 war der Briefwechsel zwischen Erasmus und Viveswieder sehr lebhaft. Zwar ist nur ein Theil der Briefe aus dieser Zeit erhalten, dochsehen wir daraus deutlich, wie das Verhältnis beider Männer sich geändert hat. Erasmushat für die ethische Richtung, welche Vives jetzt eingeschlagen hat, kein Verständnis;seine neueren Schriften liest er kaum. An dem Werke äs ksmiua, Ldristiana lobt ereinzelnes, ist aber mit dem Stil nicht zufrieden; die späteren Schriften finden gar keineErwähnung mehr. Auch übergieug Erasmus in seinem Dialog ^iosroniauus,« welcher1528 erschien, den Namen Vives bei der Erwähnung tüchtiger Schriftsteller, was diesenin früherer Zeit ernstlich betrübt und verletzt haben würde. Jetzt, wo er den Ehrgeiz,als Humanist zu glänzen, mit einem gediegenen Streben vertauscht hat, schreibt er sehrruhig darüber (Brief an Erasmus vom 1. Oct. 1527). Dagegen war Vives damalsfür Erasmus von ungemeiner Wichtigkeit wegen seiner einflußreichen Verbindungen inEngland, in den Niederlanden und besonders auch in Spanien, wo der immer heftigerentbrennende Meinungsstreit damals gerade sich wesentlich um Erasmus und seine Lehredrehte. Vives sandte einen ausführlichen Bericht über den Stand dieser Angelegen-heiten an Erasmus, ließ ihm aus England und den Niederlanden stets die neuestenNachrichten über den Verlauf der theologischen Streitigkeiten zukommen, vermittelte Brief-senduugen und vertrat die Sache des Erasmus in seinen Kreisen, so gut er konnte.Dagegen scheint er die Auctorität des Erasmus in Anspruch genommen zn haben, umden König von England, der damals eben seine Scheidung von der Königin Katharina