Vives.
759
warum cr die einzelnen Sprüche des Satellitium als Wahlsprüchc („s^mboln") be-zeichne. Er eifert dabei gegen die thörichte Anmaßung, mit welcher die Fürsten in ihrenWahlsprüchen die ganze Welt bedrohen und schrecken, sich höher stellen, als einem Men-schen zukommt und mehr auf ihre Macht trotzen, als Gott vertrauen. Das sei gerade,wie mit den Löwen, Bären, Wölfen, Drachen, Geiern n. s. w. im Wappen, als ob csschon und herrlich und eines Fürsten würdig wäre, den wilden, grausamen und blut-gierigen Charakter dieser Thiere zu haben.
Mit diesem Werke ungefähr gleichzeitig muß die „Inlroänetio all snxientimn" ent-standen sein, *) ebenfalls ein populär und praktisch gehaltenes Schriftchen von wesentlichmoralischer Tendenz, welches auch äußerlich dem Satellitium darin ähnlich ist, daß esaus lauter möglichst kurz gefaßten, prägnanten Sätzen besteht, welche zwar in Capitclgeordnet, gleichzeitig aber, wie die Wahlsprüche des Satellitium, mit einer fortlaufen-den Numer versehen sind. In der Abfassung solcher kurzen Sentenzen vcrräth nunaber Vives ein besondres Geschick, ebenso wie in der zweckmäßigen Anordnung derselbenund in der Beschränkung des Ganzen auf einen mäßigen, leicht zu bewältigenden Um-fang. Diese äußeren Vorzüge haben ohne Zweifel dazu beigetragcn, der IntroünotioWie dem Lntellitium einen so durchschlagenden Erfolg zu sichern. Die Inkroänokio na-mentlich ist in sehr vielen, meist jedoch erst nach dem Tode des Verfassers erschienenenAusgaben vorhanden und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.**) Viele dieser Aus-gaben enthalten zugleich das Lntsllitinm; mehrmals findet man auch beide Werke ver-bunden mit den beiden Briefen äs rntions stmäii pnsrilis. Aber auch der Inhalt derIntroäuotio war ganz danach augethan, dem kleinen aber gehaltvollen Schriftchen eineweite Verbreitung zu sichern. Es unterscheidet sich vom Lntsllitium hauptsächlich durchseinen specifisch christlichen Inhalt und es ist gewiß schon eine beachtenswerthe Thatsache,daß ein solches Büchlein damals ohne Unterschied der Konfessionen eine allgemeine Ver-breitung finden konnte. Der katholische Standpunct ist, wie gewöhnlich in solchen Wer-ken bei Vives, zwar gelegentlich angedentet, aber sehr gemildert, ohne eine Spur vonPolemik gegen Andersdenkende und in Beziehung auf den Gesammtinhalt völlig zurück-tretend gegen dasjenige, was allen christlichen Konfessionen gemeinsam ist.
Auf dem Titel der Leipziger Ausgabe von 1538, welche die beiden Briefe äsrations stuäii, die Introäuotio aä supiontinm und das Latollitium enthält, findet sichdie Bemerkung: „libellns vors aureus, st gut non soluru versstur omnium nmnibus,seä oäiscutur etiam äiZnissimns." Die Bezeichnung der kleineren Schriften, nament-lich der moralischen und der erbaulichen, als „libsllus aureus" ist eine Ehre, welcheVives von jetzt an häufig zutheil wurde und es scheint fast, als ob sein Ruf erst rechtsich ausgebreitct hätte, seitdem er darauf verzichtet hatte, als Stern erster Größe unterden Humanisten zu glänzen.
Inzwischen zogen auch die kriegerischen Ereignisse in Europa seine Aufmerksamkeitauf sich. Getreu seinem Friedensprincip richtete Vives schon am 8. Juli 1524 von
*) Die „Introäuotio" hat weder Vorwort noch Widmung und ist am Schlüsse ohne nähereAngabe des Datums mit Lrugis 1524 bezeichnet. In diesem Jahre aber brachte Vives nurFrühjahr und Sommer in Brügge zu.
**) Majans zählt (V. oxx. I. S. 82) 13 verschiedene Ausgaben auf, was noch bei weitemnicht erschöpfend sein kann. Zwei in meinem Besitz befindliche Ausgaben (lupsiao 1538 undLssileno 1539), beide mit dem Latollitiuur und den Briefen äs rations stuäii, fehlen beiMajans, desgleichen 4 Cölner und eine Mainzer Ausgabe, die ich mir aus den Katalogen derMünchener Bibliothek notirt habe. Ebendaselbst findet sich zu den von Majans erwähnten Nebcr-setzungen in's Spanische und Französische auch noch eine deutsche Ucbersctzung: „Anleitung zuder rechten und waren Wayßheit." Ingolstadt 1546, wobei zu bemerken ist, daß überhauptviele Schriften von Vives in's Deutsche übersetzt wurden. In Stuttgart findet sich eine Aus-gabe der Introäuotio und des Latsllitium von 1704; ein Beweis, wie nachhaltig das Interessefür diese Schriften gewesen ist.