Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
758
Einzelbild herunterladen
 

758

Vives.

dieser Hinsicht nichts; wie denn auch die irrthümliche Annahme, Vives habe Philipp II.von Spanien unterrichtet, Wohl nur durch Misdcutnng der Thatsache entstanden ist, daßVives diesem seine lateinischen Schülergcsprächc widmete. Noch weniger darf uns derUmstand, daß Vives überhaupt in der Erziehnngsgeschichte zweier so übel berüchtigterMonarchen erscheint, am Geiste seiner Pädagogik irre machen. Abgesehen davon, daßVives jedenfalls nur sehr vorübergehend und flüchtig ans den Charakter dieser Fürsten-linder einwirken konnte, muß auch erinnert werden, daß die Grausamkeiten, mit welchensie ihre Regierung befleckt haben, wesentlich durch politische Principien hcrvorgcrufcnwurden, und ans die politische Bildung der Prinzen hatte selbst der permanent thätigeliterarische Lehrer gar keinen Einfluß; geschweige denn der gelehrte Nathgcber, welchergar nicht oder nur wenig unmittelbar in den Unterricht cingriff. Eins möchte vielleichtzugegeben werden: daß der ernste und ascctische Sinn und die tief religiöse Richtung,Welche bei Vives sich mehr und mehr ansbildeten, leicht auch in einem Schüler einestrenge Richtung Hervorrufen konnten, ohne das Gegengewicht jener milden Toleranzgegen Andersdenkende und jener stillen kritischen Sonderung des Kernes der Religionvon überlieferten Zuthatcn, die wir an Vives bewundern müßen, für die aber derNatur der Sache nach erst ein reiferes Alter Verständnis zeigen konnte. Auch darfman nur bedenken, von wie gemeinen Motiven die rcformatorische Thätigkeit Hein-richs VIII. ansgieng, so daß selbst der freisinnige Thomas Morus ein Opfer seinesWiderstandes werden konnte, und wie schwer Maria in ihrer eignen Person und imSchicksal ihrer Mutter von diesen Bestrebungen des Königs betroffen wurde, um dieStandhaftigkeit, mit welcher sie dem katholischen Glauben anhieng, in einem besserenLichte zu sehen.

Wie wenig Vives geeignet war, fürstlichen Uebermnth und tyrannische Grausam-keit in seinen Zöglingen zu Wecken, kann gerade das Werk zeigen, welches er für diePrinzessin Maria in Brügge, wo überhaupt alle bedeutenderen Arbeiten dieser Jahreentstanden, verfaßt hat. Es ist dies das „Latollitium nnimi," welches im Som-mer 1524 (die Widmung ist vom 1. Juli datirt), als Vives sich nach seiner Ver-heiratung mit Margaretha Valdaura längere Zeit in Brügge aufhielt, zu Stande kam.Das „Satellitium" ist eine Sammlung kurzer Gedenksprüche („s^mdoln") mit ebenfallssehr kurz gefaßten Erörterungen, meist moralischen Inhalts; einige darunter mehr indas Gebiet der Lcbensklughcit gehörig, die nach antiker Weise von der Moral nichtstreng getrennt wird. Der erste lautet: „Looxns vitao Giristns;" der siebente: „virtnsinstar omnium," mit der kurzen Erläuterung: „Wer die Tugend hat, bedarf nichtsweiteres, um glücklich zu leben. So haben die Stoiker gedacht, und den Christen ziemtes um so mehr, so zu denken." Neberwiegend werden die Alten benutzt, doch wo sichGelegenheit bietet, mit einer christlichen Wendung. Den Spruch (155) „sino gnorela,"erklärt Vives beiläufig für seinen eignen Wahlsprnch. — Zu diesem Werke nun schriebVives eine Widmung an die Prinzessin Maria, welche jene srcimüthige Kritik derStellung eines Monarchen, die wir bei Vives öfter treffen, mit besonderm Nachdruckentwickelt.

Die Fürsten, heißt es da, pflegen zur beständigen Bewachung ihrer Person voneinem Gefolge („satollitium") begleitet zu werden, ein Brauch, der sich mehr durchsein Alter, als durch seine Weisheit oder Rechtschaffenheit empfiehlt; denn die Fürstenbezeugen dadurch ihre Furcht, die meistens ans einem schlechten Gewissen entspringt.Auch ist keine Leibwache sicherer und treuer, als ein reines Bewußtsein und die Liebedes Volkes; diese aber läßt sich nicht durch Waffengewalt und Schrecken erzwingen,sondern sie wird durch Liebe, Treue, Wachsamkeit und Sorge für das Gemeinwohl ge-wonnen. Diese Sitte, meint Vives, lasse sich allerdings nicht so plötzlich aufhcben undso werden denn Maria's Eltern für ihr leibliches Gefolge sorgen; er aber wolle ihrans Wunsch ihrer Mutter eine Leibwache für die Seele mitgebcn, die ihr mehr Ruheund Sicherheit geben werde, als alle bewaffneten Schaarcn. Weiterhin erklärt Vives,