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9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
757
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und Wie er im Gefolge der Königin mit zur Messe fährt. Zugleich erwähnt er eineMasse zerstreuender Geschäfte („tot no§otÜ8 äistriotus"), was nicht Wohl auf diestetige Thätigkeit des Unterrichtens bezogen werden kann. Es ist nicht unwahrscheinlich,daß er, wie die Gelehrten in solchen Stellungen häufig, von der Königin als Privat-sekretär und literarisches Factotnm benutzt wurde. Daß während einer solchen Periodedes Hoflebens von ruhigem Arbeiten nicht die Rede sein konnte, geht ans einem andernBriefe hervor (an Miranda, a. a. O. S. 201 ff.), in welchem Vives sich über dasHoflcben beklagt und die Schattenseiten seines dortigen Aufenthaltes vielleicht etwasübertrieben schildert. Hier sagt er freilich, er sei „ooeuputuZ nillil uZonäv" und so andas Nichtsthnn gewöhnt, daß er sich Geschäfte einbilde, um den wahren und ernsthaftenGeschäften zu entgehen. Dies paßt aber auch auf die Stellung des Höflings, der jetztmit allerlei kleinen, an sich unbedeutenden Aufträgen überhäuft wird und jetzt wiederStunden lang nichts zu thun hat, als zu warten, bis er in Anspruch genommen wird.Seine Wohnung schildert er als einen elenden Verschlag zwischen einer Menge andrerSchlafzimmer, wo es beständig geräuschvoll zugehe. Er habe darin nicht einmal einenTisch und kaum einen Sessel, so daß es ihm gar nicht möglich sei, etwas zu lesen, zuschreiben, oder zu mcditiren. Dazu komme ein weiter Weg zum königlichen Palast,weshalb er oft vom frühen Morgen bis zur Nacht gar nicht nach Hause komme. Auchklagt Vives, wie öfter in den Briefen aus England, über das Klima und meint, wenner hier krank werde, so würde man ihn wie einen räudigen Hund auf irgend einenMisthaufen werfen. Hiermit ist die Herzlosigkeit des Hoflebcns grell genug geschildert;übrigens rühmt Vives die Gunst des Königs und der Königin, die sich auch in derThat erweise (Brief ans Oxford an Cognatus, a. a. O. S. 197). Ohne Zweifel istdamit gemeint, daß er in England, wie ja auch Erasmus andcutct, reichlich seinenUnterhalt fand und für die Zeit der Muße, welche er in Brügge zubrachte, das Nöthigeerübrigen konnte. Daß er in dieser Zeit neben andern Einkünften auch ein Jahres-gehalt vom Hofe bezog, und zwar wie cs scheint, vom Könige und von der Königinbesonders, geht aus dem Briefe hervor, in welchem er im I. 1528 dem spanischenTheologen Vergara die Katastrophe erzählt, von welcher er in England betroffen wurde.

Unter so bcwandtcn Umständen hätte Vives Wohl auch ohne jenen Vorsatz deslängeren Schweigens schwerlich die rechte Muße zu bedeutenderen Arbeiten gefunden, undin der That ist die Epoche seiner Reisen nach England weitaus die unfruchtbarste inseiner schriftstellerischen Thätigkeit. In England selbst ist keine seiner größeren Arbeitenentstanden und überhaupt fast nichts von Bedeutung. Gleich zu Anfang, als vielleichtdas Hofleben ihn noch nicht so ganz in seine Strudel gezogen hatte, entstanden in Eng-land die beiden Briefe »äs ratious stuclii xuorilis,« die Abhandlung »äo oonsul-tatioim« und eine Uebersetzung zweier Reden des Jsokrates; alles bestellte Arbeiten;der Jsokrates für Cardinal Wolsay. Von den beiden pädagogischen Briefen, deren In-halt noch später Erwähnung finden wird, ist der zweite an einen Sohn des Lord Mont-joic gerichtet, der als Freund und Schüler des Erasmus bekannt ist. Der erste ist derKönigin Katharina gewidmet und enthält eine Art von Instruction für den Lehrer derPrinzessin Maria, welche damals acht Jahre alt war.

Wann und wie lange Vives diese Prinzessin selbst unterrichtet habe, vermögen wirnicht mit Bestimmtheit zu sagen, da sich in Vives Werken so gut wie gar keine sichreSpuren dieser Thätigkeit finden, während er doch sonst seiner Schüler sehr gerne Er-wähnung thut. Man könnte die Thatsache selbst sogar, ungeachtet der Einstimmigkeitder späteren Ucberliefernng, noch in Zweifel ziehen, wenn cs nicht gar zu viel innereWahrscheinlichkeit hätte, daß Vives in der Zeit jener engen Verbindung mit dem eng-lischen Hofe doch wenigstens zeitweise und in einzelnen Fächern die Tochter der Königin,über deren literarische Bildung er gewiß beständig zu Rathe gezogen wurde, selbst auchunterrichtet hätte. Der Umstand aber, daß Vives für sie einen Studicnplan schriebund ihr noch ein Werk widmete, von welchem gleich die Rede sein wird, beweist in