Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
642
Einzelbild herunterladen
 

642

Vaterlandsliebe.

Don oer Maas bis an die Memel, von den Alpen bis zum Belt,

Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der WeltIDa wird ein deutscher Lehrer der Geographie von den Wanderungen i» andereLänder und Weltthcile, wie sie der Deutsche in Wirklichkeit und im Geiste jederzeitgerne unternommen hat, mit Freuden zum Vatcrlande zurückkehrcn, um seinen Schülernzu zeigen, was eS Werth ist, ein wohl abgerundetes und innerlich reich gegliedertes unddoch wohl verbundenes großes Vaterland zu haben; wie die natürliche Grenze, welcheVolk vom Volke scheidet, nur durch die Volksthümlichkeit und deren unmittelbarsten Aus-druck, die Sprache, gezogen wird; wie die politischen Verhältnisse, durch welche diese na-türliche Grenze vielfach verschoben worden ist, ihre geschichtliche Berechtigung haben, wases aber zu bedeuten hat, daß wir gegen den unruhigen Nachbar im Westen bessere undsicherere Grenzen gewonnen haben, als wir sic bisher hatten; wie aber hier und nachden Seiten hin, wo solche Grenzen fehlen, das deutsche Volk selbst gerüstet sein muß,den kräftigsten Wall gegen feindliche Angriffe zu bilden. Innerhalb dieser Grenzen nunstellt sich unS ein Land dar, in dessen Beschaffenheit der rcflcctirende Verstand Gründegenug aufstnden kann zur Erklärung und Befestigung der natürlichen Anhänglichkeit,welche das deutsche Herz an diesen Boden fesselt. Durch seine Structur und sein Klimawird er zu einem rechten Repräsentanten der Vorzüge, durch welche die Länder der ge-mäßigten Zone sich auszcichnen. Er läßt weder in südlicher Ucppigkeit, welche den we-sentlichen Bedarf dcS Lebens von selbst darbietct, die Thätigkeit seiner Bewohner er-schlaffen, noch läßt er durch zu große Ungunst seiner Verhältnisse ihren Geist in unaus-gesetzter Arbeit um das tägliche Vrod verkümmern, sondern fast überall ist er von derArt, daß er fleißige Arbeit reichlich lohnt. Für die Poesie seiner Wälder, in welchemder deutsche Geist von je an mit Vorliebe lebte und webte, seiner Berge und Ströme,seiner Rebenhügcl und Meeresküsten bieten fruchtbare und wohlangcbante Ebenen einenicht zu verachtende reale Grundlage. Eben um der durch die Verschiedenheit dieserVerhältnisse wesentlich mitbcdingten Verschiedenheit der Stammesart willen sind die ein-zelnen deutschen Stämme auf treues Zusammenhalten zu wechselseitiger Unterstützungund Ergänzung auf einander angewiesen. Der Heimats künde in dem Sinne, inwelchem man ihren Begriff von dem weitern der VatcrlandSkundc zu unterscheiden sichgewöhnt hat, liegt die Sorge dafür ob, daß die Jugend in ihrer nächsten Heimat wirk-lich von Herzen heimisch werde, sie lieb behalte und ihrer Vorzüge sich freue, doch immerso, daß nicht vergessen wird, wie hinter den Bergen auch Leute wohnen, damit nicht einbeschränktes und dumpfes, kurzsichtiges und engherziges Vcrsunkenscin in die besondereLandes- und Stammcsart der nächsten Heimat die lebendige Theilnahme an Wohl undWehe des gesammten deutschen Volkes und Vaterlandes und die Liebe zu ihm beeinträch-tige, damit insbesondere der Unterschied zwischen Nord- und Süddcntschland nicht fort-fahrc, ein Grund der Trennung zu sein, sondern ein Antrieb zur Verbindung werde.Denn es ist ja so, wie Geibel in einem ungcdrncktcn Liede gesungen hat: „Jedem ebenetwas fehlt, wie wir eben aufgezählt;" aber ohne Zweifel hat auch der Dichter ausdieser Thatsache die richtige Moral gezogen, wenn er fortfährt: „Darum heißt es: „sichvertragen" — und wenn es sein muß — „Miteinander drcingcschlagcn!" Und wie hinterden Bergen Leute wohnen, so hat cS auch im fernen Hintergründe der Zeiten schonLeute gegeben! Der geographische Unterricht hat darauf Bedacht zu nehmen, daß imHerzen der Jugend Verständnis und liebevolle Theilnahme für das erweckt werde, wasin Burgen und Städten die Heldcnkraft, die Bürgcrtngend, der Kunstsinn der Vorzeitgeschaffen. Was in neuester Zeit Wissenschaft und Industrie im Bunde hcrvorgcbrachthaben, hat sein gutes Recht und ist nicht zu unterschätzen. Aber die Erziehung hat dar-über zu wachen, daß durch die immer weiter sich auSbrcitendcn und überall von selbst sichanfdrängcndcn Unternehmungen, Einrichtungen und Arbeiten, welche dem großen Weltver-kehr dienen, zu Gunsten einer Oberflächlichkeit, welcher nur d«s Neueste immer auch dasVeste ist, und eines Kosmopolitismus der Selbstsucht nicht der Sinn für Wesen und