638
Vaterlandsliebe.
spräche sich dar. Sie ist der unmittelbarste, vielseitigste und bestimmteste und alsoprägnanteste Ausdruck der Volkstümlichkeit, und ihre richtige Behandlung und Pflegewirkt am unmittelbarsten und förderlichsten, wenn nicht geradezu auf Erweckung patrio-tischer Gesinnung, doch auf Erweckung und Nahrung nationalen Sinnes zurück. Damitnun die Muttersprache wirklich jenes bleibe und dieses leiste, ist in erster Linie nöthig,daß sie vor einem ihr eigentümliches Wesen und Leben beeinträchti-genden Einflüsse fremder Elemente bewahrt werde. Die größte Versündi-gung gegen daS gute Recht der Muttersprache und des zugleich mit ihr sich in demKinde entwickelnden nationalen Sinnes wird dadurch begangen, daß man, wie cs bei derGouvernanten- und'Bonnenerziehung vornehmer oder vornehm thuendcr Familien leidernoch häufig der Fall ist, das Kind von Anfang an neben der Muttersprache noch einefremde erlernen läßt. Es wird dadurch nicht allein die Reinheit, Richtigkeit und Sicher-heit des sprachlichen Ausdruckes, sondern auch, da das Kind nicht jeden seiner Begriffemit einem bestimmten Wort ansdrücken lernt, die Klarheit und Sicherheit des Den-kens gefährdet, abgesehen davon, daß der fremde Eindringling cs dem Kinde unmöglichmacht, die so sinnige und die eigentliche Poesie der Sprache enthaltende unbewußte Bild-lichkeit und Symbolik, den sinnlichen Hintergrund der Muttersprache ahnend zu erfassenund darin heimisch zu werden. „Keine Duplicität, sagt Schleicrmacher (Erziehungslehre.
S. 654 f.), wenn es auch besser scheint, fremde Sprachen ax nsn zu lernen.-
Eine wird zurückstehen, und da das Verfahren von der Vorliebe für eine fremde Spracheausgeht, so steht die Muttersprache zurück; fremder Accent, Mangel an Geläufigkeit,vielleicht gar nicht ursprüngliches Denken darin; letzteres Nationalverrath. Dasganze Wissen des Kindes muß dadurch oberflächlich werden, weil cs kein festes Systemvon Begriffen bekommt." Ja man darf hinzusctzen: durch die sprachliche Doppel-züngigkeit wird auch leicht eine sittliche Doppelzüngigkeit befördert. Ein jeder Unterrichtin einer fremden Sprache, welcher früher beginnt, als der Zögling im Verständnis undGebrauch der Muttersprache eine gewiße Sicherheit erlangt hat, ist ein Vcrrath an derSprache und au der Nationalität des Zöglings. Auch die Verunreinigung durch Fremd-wörter von der Muttersprache möglichst ferne zu halten, ist eine patriotische Pflicht. DasBestreben, sich stets in Worten auszudrückeu, welche auf dem heimischen Boden gewack-seu sind, uöthigt zu eigenthümlichem und klarem Denken, während verwaschene und un-klare Begriffe zu einem Fremdworte sehr häufig als zu einer Maske greifen. Dagegenhat die zur feststehenden wissenschaftlichen, insbesondere grammatischen Terminologie ge-hörenden Fremdwörter selbst ein so guter Deutscher wie I. Grimm gegen die Verfolgungvon Seiten eines rücksichtslosen Radicalismus in der Sprachreinigung in Schutz genom-men. „Jede llcbcrsetzung und Nachahmung wird lächerlich, wenigstens unverständlichweil wir uns bei dem neuen Wort nothwendig seiner eigentlichen sinnlichen Bedeutungerinnern: in diesem Licht sind mir Zeugfall für Genetiv, Gebfall für Dativ, und alleähnlichen Verdeutschungen beständig vorgekommen. Tie Abstraction, folglich der wahreBegriff geht dabei jedesmal verloren." Und PH. Wackernagel setzt hinzu: „Daß dielateinischen Ausdrücke den Kindern unverständlich sind, ist gerade ihr Vorzug. Hättenwir unverständliche deutsche, so wäre es freilich noch besser. Aber eben, daß die deutschen zuverständlich sind, das macht sie unbrauchbar. Sie bezeichnen ein Merkmal, oft gar nichtdas wesentlichste, und sind die Ursache unsäglicher Oberflächlichkeit und Verwirrung."Es ist au sich sehr erfreulich, daß im 17. Jahrhundert, in welchem die deutsche Sprachedurch ehr- und geschmacklose Ausländerei auf der tiefsten Stufe ihrer Erniedrigung an-gekommen war, zugleich daS Bestreben, die Sprache von fremden Elementen zu reinigen,sich kräftig zu regen beginnt. Aber während einzelne Männer, wie namentlich Balthasar Schupp(vgl. den Art.), mit gesundem Takt daS Nichtige trafen, hat der Purismus, von demPalmeuordeu der fruchtbringenden Gesellschaft au bis auf Campe und den HochstiftlcrS. Volger herab, viel abenteuerliches und verkehrtes zu Tage gefördert, daß cs der be-sonnenen Gründlichkeit und der gewichtigen Auctorität eines I. Grimm bedurfte, um