Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
628
Einzelbild herunterladen
 

628

Vaterlandsliebe.

Und in dem gegen alle locale und nationale Eigenthümlichkeit gerichteten Zcrstö-rungsproceß schien der äußerliche Uuivcrsalismus des Römcrihums unterstützt zu werdendurch den geistigen Universalismus des Christeuthums. Von dem irdischenVatcrlandc, der natürlichen nationalen Gemeinschaft und der staatlichen Ordnung weistdas Christenthum seine Bekenner auf die himmlische Heimat, die geistige Gemeinschaftder Gläubigen und die ewigen Ordnungen des Reiches Gottes hin; und der Apostel Paulusscheint die nationale Differenz und mit ihr die Basis der Vaterlandsliebe in die durchden Glauben an Christum neubcgründete absolute Gemeinschaftlichkeit völlig aufgehen zulassen, wenn er im Briefe an die Galater (3, 28) den für die ganze vorchristliche Weltebenso unfaßbaren, als unerhörten Satz ausstellt:Hier ist kein Jude noch Grieche,

hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid all-zumal Einer in Christo!" So hat es denn Schleiermacher, jedoch nicht als seineeigene, sondern nur als eine thatsächlich vorgekommene Ansicht anssprechcn können:Unterallen religiösen Sittenlchrcn ist es allein die christliche, welche den Satz von der Ver-nichtung der nationalen Differenz ausgestellt hat;" und daß das Christenthum gegen denPatriotismus sich feindlich, oder doch mindestens völlig gleichgültig verhalte, ist ihm eben-sowohl von seinen Gegnern zum Tadel, wie von weltflüchtigen Anhängern zum Lobe eingerechnetworden. Und allerdings, indem das Evangelium alle Menschen zum Glauben an ihrenErlöser beruft, kann es nicht dulden, daß irgend eine unter ihnen bestehende natürlicheDifferenz dieser großen, alle umfassenden Gemeinschaft des Glaubens und dem leben-digen Bewußtsein derselben hinderlich werde. Aber wie Paulus durch jenen Satz dochohne Zweifel weder den Unterschied der Geschlechter, noch auch nur den der Stände hataufheben wollen, so kann auch seine Meinung nicht sein, daß die nationale Differenzdurch die Gemeinschaft des Glaubens solle vernichtet werden, sondern nur daß sic, gleichjenen andern Unterschieden, in den Dienst Christi cintrctcn soll, um durch seinen Geistgeläutert und geweiht zu werden. So hat denn nicht allein der Heiland selbst seinVaterland zum fast ausschließlichen und seine galiläische Heimat zum vorzugsweise!:Boden, wie sein jüdisches Volk zum nächsten Gegenstände seines irdischen Wirkens ge-macht, den Gesetzen desselben Gehorsam geleistet und über seine verblendete HauptstadtThräncn der innigsten Vaterlandsliebe geweint; sondern auch der große Heidenapostel hatdie Liebe zu seinem Volke so wenig verleugnet, daß er das starke Wort hat aussprcchenkönnen (Römer 9, 3), er habe gewünscht, verbannt zi: sein von Christo, wenn er da-durch das Heil seiner Brüder, die seine Verwandten seien nach dem Fleisch, erkaufenkönne. Und in der Rede, welche er ans dem Areopag zu Athen gehalten hat, hat er zuder relativen Negierung der nationalen Verschiedenheit, wie sie in jenen Worten desGalaterbricfes enthalten ist, die positive Ergänzung gegeben (Apostelg. 17, 26 f.). Dar-nach hat Gott ans einem Blute alle Völker gemacht, die auf der ganzen Erde wohnen,und hat einem jeglichen nach Zeit und Ort die Grenze ihrer Ausbreitung bestimmt,ihnen allen aber die gemeinsame Bestimmung gegeben, daß sie Gott suchen sollen. Da-mit ist die nationale Differenz als eine von Gott gewollte und geordnete, aber auch zufreiem Eingehen auf die alles verwaltende heilige Ordnung Gottes berufene dargestellt.Und darin liegt allerdings einerseits die Verwerfung jenes die vorchristliche Welt be-herrschenden Wahnes, nach welchem eine jede Nation nur sich selbst als die eigentlichberechtigte ansah; andererseits aber auch die Anerkennung der Berechtigung einer jeden,sofern sie bestrebt ist, das menschliche Leben nach Gottes Ordnung auf eine cigcnthüm-liche Weise darzustelleu. Um es kurz zu sagen: das Christeuthum rechnet die mannigfaltigenVolksthümlichkeitcn zu den mancherlei Gaben, die in einem Geiste, die verschiedenen Völkerzu den verschieden ausgerüsteten Gliedern, die zu einem Leibe in wechselseitiger Unter-stützung und Ergänzung sich verbinden sollen. Und somit weiß es eben so wenig von einerUnterschätzung, oder gar Vernichtung der nationalen Verschiedenheit, als von einer absolutenBerechtigung der vereinzelten Nationalität, vielmehr hat es Recht und Pflicht derNationalität gleichmäßig anerkannt und das wahre Princip ihrer Ausgleichung aufgestellt.