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9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
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Vaterlandsliebe.

in welchem hier von einem staatlichen Gemeinwesen die Rede ist, cingeschlossen unddemgemäß auch unter den Objecten der Vaterlandsliebe mitvcrstandcn. Während nunin normalen Verhältnissen die drei genannten Factorcn der Vaterlandsliebe nebeneinanderwirken und sich wechselseitig stützen, giebt es auch Ausnahmen von der Regel, in welchender eine oder der andere fehlt und darum die Vaterlandsliebe im vollsten Sinne desWortes nicht zur Verwirklichung kommen kann. Bei einem noch auf der Wanderungbegriffenen Volksstamme, welcher eine feste Heimat erst noch sucht, um auf deren Bodendann auch für sein nationales Gemeinwesen die festen^ Ordnungen zu finden, muß, wiebereits oben angedcutet worden ist, die Anhänglichkeit an die Stammcsgcnosscn allesübrige ersetzen. Tiefe bleibt auch bei einem Volke, welches, wie in alter Zeit die Judenund in neuerer viele Polen, seine Heimat und sein eigenthümliches staatliches Lebenverloren hat, als das eigentlich Reale zurück, während die Liebe zu der alten Heimatund nationalen Selbständigkeit den Charakter einer schwärmerischen Sehnsucht amünnnt;und je intensiver bei den Verbannten das Bewußtsein ihrer Stammesgemcinschaft fort-wirkt, desto weniger werden sie mit voller Hingabe in die Interessen ihrer neuen Heimateingehen: auch die radicalsten Elemente der Völker, unter welchen die Polen als Gästeleben, würden sich gescheut haben, die Ordnungen ihres Landes in der pietätsloscn undfrivolen Weise zu stören, in wcHer diese Fremdlinge vielfältig das Gastrecht misbrauchthaben; und jetzt ist Wohl die Zeit auf immer vorbei, in welcher man in der GlorificationFrankreichs auf Kosten Deutschlands, wie sie in H eine's und Börn e's Schriften vor-kommt, deutschen Patriotismus entdeckte. Auch dem Einzelnen, welcher auf fremdemBoden ein neues Vaterland gefunden und dieses und seine neuen Landsleute von Herzenlieb gewonnen hat, fehlt doch etwas an der realen Basis der unbefangenen vollen Vater-landsliebe; der edle Chamisso empfand, als er in den Jahren der Befreiungskriegedie patriotische Begeisterung seiner liebsten Freunde nicht theilen konnte, schmerzlich deninneren Widerspruch in seinem Dasein, und er wurde sein Lebenlang das wehmüthigeGefühl seines Schlemihl nicht völlig los, daß ihm trotz allem, was er hatte, doch zurvollen Realität einer Existenz, die einen richtigen Kcrnschattcn zu werfen im Stande ist,etwas wesentliches abgehc. Andererseits, wo auf dem Boden desselben Landes verschiedeneVolksstämme zu staatlicher Gemeinschaft sich verbunden haben, da muß das fehlendeBewußtsein gemeinsamer Abstammung durch die Anhänglichkeit an den heimatlichenBoden und das vaterländische Staatslcben ersetzt werden, was um so leichter geschehenwird, je mehr der eigcnthümliche Reiz des ersteren und die Vorzüge des letzteren dabeiunterstützend cintreten, wie dies etwa in der Schweiz der Fall ist. Wo dagegen eindurch Gemeinsamkeit des Vaterlandes, wie der Abstammung, verbundenes Volk zu einemdem einzelnen Bürger seine freie und selbständige Bewegung und damit wahre Be-friedigung gewährenden Staatslebcn noch nicht gediehen ist, da kann zwar die bloßeLiebe zu Land und Leuten als Naturkraft mit großer Intensität wirken; aber sic nimmtleicht jenen elegischen Charakter an, welcher z. B. in den wehmüthigcn Molltöncn vielerrussischer Volkslieder sich ausspricht. Und wo endlich, wie in den Vereinigten Staatenvon Nordamerika, Leute aus den verschiedensten Ländern und Völkern unter einer neuengemeinsamen Staatsvcrfassung zusammengetreten sind, da geht aus der Noth jeneTugend hervor, welche der abstracte Moralismus allein als wahren Patriotismus wolltegelten lassen: die Vaterlandsliebe geht völlig auf in der Liebe zu der staatlichen Ordnung,welcher der Mensch angehört, das Interesse für Gesetz und Verfassung muß alles gutmachen, Heimats- und Stammesgemcinschaft ersetzen; und wenn es dabei allerdingsdurch den Umstand unterstützt wird, daß jeder Einzelne an seinem Theile an dem Ge-deihen des Ganzen mitzuarbeiten berufen und dafür verantwortlich ist, so zeigt doch auchdie gerade unter dergleichen Verhältnissen so häufig vorkommende Ausbeutung des Gemein-wesens durch die gemeine Selbstsucht Einzelner, daß das kategorische Gebot der Bürger-pflicht allein nicht ausreicht, um die natürliche Pietät gegen ein Vaterland im eigentlichenSinne und gegen eine Gemeinschaft von angestammten Volksgenossen zu ersetzen. Es