620
Vaterlandsliebe.
städtcr Gesangbuch von 1819, welches für jeden Paragraphen der Moral, bis zum„christlichen Verhalten in Ansehung der Thicre und Bäume" herab, wenigstens ein Liedbringen zu müssen glaubte und, wo der vorhandene reiche Liederschatz der evangelischen Kirchenichts entsprechendes darbot, ausgenommen hat, was für den genannten Zweck auf aus-drückliche Bestellung neu angefertigt worden war, hat im l.und 2. Verse des 546. Liedeseine ehedem weit verbreitete Ansicht über Ursprung und Wesen der Vaterlandsliebe mitunübertrefflicher Classicität ausgesprochen:
Das Land, das Gott mir väterlichZur Wohnung angewiesen,
Laßt seines treuen Schutzes michIn Glück und Noth genießen;
ES gicbt mir Nahrung, Sicherheit,
Erhält Recht und GerechtigkeitUnd schützt mein Gut und Leben.
Drum will ich stets erkenntlich sein,
Durch nützliche GeschäfteMich der gemeinen Wohlfahrt wcihn,
Will Zeit, Beruf und KräfteDem Vaterlandc, das mich schütztUnd mir und meinen Brüdern nützt,
Mit treuem Eifer widmen.
Wer vorschriftsmäßig den Versuch macht, diese Reime nach der Melodie: „Schonist der Tag von Gott bestimmt" *) zu singen, der wird inne, daß ihr Inhalt die baarsteNegation aller gehobenen Stimmung und Gesinnung und also auch der wahren Vater-landsliebe ist. Die Liebe, welche dem Vaterlande gewidmet wird, weil es „mich schütztund mir und meinen Brüdern nützt," und welche demgemäß auch aufhört, wenn dieserSchutz und Nutz einmal ausblcibt und daS bedrängte Vaterland vielmehr zu seinemSchutze von seinen Kindern Dpfer fordert, hat ihren Ursprung in der ordinärsten Selbst-sucht, und ihr Preis, der sich in ein evangelisches deutsches Gesangbuch verirrt hat, istim Grunde nur eine Paraphrase des bekannten Ausspruchs, welchen der heidnische RömerPacuvius dem zur Auswanderung gezwungenen Teucrus in den Mund gelegt hat (Cicero,lluse. V, 37) Untriu ost, ulliLunuxue ost dsns. Kaum minder unberechtigt als diesegemein utilitaristische Erklärung der Vaterlandsliebe ist deren Herstellung aus einemabstracten Moralismus, welcher die Vaterlandsliebe außer aller Beziehung setzt zu demheiligen und theurcn Lande der Väter. Von diesem Standpuncte aus sagt z. B.W. T. Krug (Allgcm. Handwörterbuch der philos. Wissenschaften IV, 312): „Suchedas Wohl der Gesellschaft, der du eben angehörst, zu erhalten und zu förderndurch alle rechtlichen Mittel, welche dir zu Gebote stehen! Eben dieser Grundsatz istauch das Princip der echten Vaterlandsliebe." Auch dieser Patriotismus des kategori-schen Pflichtgebotcs, welcher seinen höchsten Triumph feiern würde, wenn er in demFalle wäre, gegen einen schlechten Staat seine Pflichten mit Abscheu erfüllen zu können,hat mit der in den Tiefen des Herzens wurzelnden und treibenden gcheimnißvollen undheiligen Kraft der Liebe nichts zu thun. Im Gegensatz zu diesen Auffassungen eineseben so oberflächlichen als nüchternen Rationalismus, welcher mit seinen Reflexionenüber äußerliche Vortheile und äußerliche Leistungen nicht hinauskommt, und welcher seinerZeit daS Scinige dazu bcigetragen hat, unser Volk um die wahre Vaterlandsliebe zubetrügen, führt uns Heinrich von Kleist in seinem Katechismus der Deutschen (ausdem Jahre 1809, zuerst herausgegcbcn von Köpke: Heinrich von Kleist's politischeSchriften, Berlin 1862, S- 82 ff., jetzt auch in der Hempel'schen Gesammtausgabevon H. v. Kleist's Werken, Berlin o. I., V, S. 77 ff.) auf den wahren Ursprung
*) „Es ist gewißlich an der Zeit" — Anm. der Red.