Urteilskraft.
Vaterlandsliebe.
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finden, leidet das Urtheil Mangel an Begründung und Richtigkeit. In der That lastensich hierauf die meisten Vorurtheile, als auf ihre Oncllc, znrückführcn. WaS sich zu-fällig in einzelnen Erscheinungen zusammen dargcstcllt hat, betrachtet man als stets undnothwcndig zusammengehörig. Tie Kometen, weil sie allerdings bisweilen mit anstecken-den Krankheiten oder Kriegen zugleich vorgckommcn sind, werden als Ursachen oderZeichen derselben betrachtet; das bloß Eingebildete wird für wirklich gehalten; das einemoder einigen Angenehme oder Nützliche als allgemeine Pflicht dargcstcllt; der Name dcSSittlichen und des Unsittlichen an die Vorstellung von gcwißcn Gesinnungen oder anäußere Handlungen geknüpft, die sich doch nur zuweilen mit jenen zusammcnflndcn. Derbei weitem größere Thcil menschlicher Jrrthümer würde verschwinden, wenn man dieverschiedenen Vcrbindnngs- und Beziehungsvcrhältnissc ihrer Eigenthümlichkcit gemäßscharf auseinander hielte. Schlechtes Beispiel und Nachlässigkeit, nicht selten auch Leiden-schaftlichkeit und Eigennutz wirken zur Begünstigung deS Fehlerhaften. Vorurtheile desStandes, der Nation, der Konfession, des Autoritätsglaubens machen blind gegen dieoffenbarsten Thatsachen, pflanzen sich als verjährter Wahn fort und erzeugen öftersförmliche Geistcscpidemien in ganzen Völkern und Gcsellschaftsclasscn. Hier eröffnet sichfür den Erzieher und Lehrer ein großes Wirknngsgebiet. Im Gegensatz zu der falschenBegriffsmischcrei mache er früh auf die Verschiedenheiten aufmerksam, hebe dieselben inschlagenden Beispielen hervor, sei gegen sich selbst streng und leite die Kinder zur gleichenStrenge gegen sich an. Vorzüglich wird hierfür auch die Gewöhnung an genau bestimm-ten Ausdruck des Aufgefaßtcn von Nutzen sein können. So lange die Auffassung nochbloß innere Vorstellung ist, wird ein gewißer nebelhafter Charakter derselben, besondersbei Kindern, schwer vermieden werden können; halten wir dagegen dieselben an, dasVorgestcllte in bestimmten Worten darzustellen und zu fixircn, so werden sie zu einergenauem Vergleichung, zu einer schärfer» Ausprägung ihres Bewußtseins gezwungen.Aber freilich ist hiermit nicht alles gethan. Wie vieles in dieser Art verkehrte hat mannicht in allen Wissenschaften unzähligem«! ausgesprochen und wieder ausgesprochen! Nureine früh begründete Gewöhnung zur richtigen und sorgsamen Unterscheidung der tat-sächlichen Verhältnisse kann jene Schärfe und Sicherheit des Denkens verschaffen, welchedie wesentliche Grundlage aller Aufklärung und Vorurthcilsfreihcit auSmacht.
Bezüglich der literarischen Nachweise verweisen wir auf die Art. Denkübungenund Philosophische Propädeutik. 1)r. Weidcinan».
V.
Vaterlandsliebe. Einem deutschen Pädagogen, welcher am Schlüße des Jahres1871 über die Erziehung zur Vaterlandsliebe zu schreiben hat, liegt es nahe, seine Ge-danken unmittelbar und frisch aus dem neuen Leben zu schöpfen, zu welchem unserVolk mit Gottes Hülfe nun wicdcrgeborcn ist, und in welchem cS der ihm verlieheneneigenthümlichen Gaben sich dankbar bewußt werden und der Früchte seines unter langenund schweren Leiden ausharrcnden Höffens und Strebens endlich freuen darf. Aberneben dem zumal in der gegenwärtigen Zeit wohlberechtigten Patriotismus ist demDeutschen ein kosmopolitischer Zug so gründlich eingefleischt, daß es ihm schwer werdenwürde, auf den Nachweis zu verzichten, daß die Vaterlandsliebe „schon in den ältestenZeiten und bei den verschiedensten Völkern" vorgckommen sei. Wie geneigt wir indessensein mögen, dieses Vorkommen vorausznsetzen, so ist doch, es wirklich aufzuzeigcn, nichtso leicht, als man denken sollte, und insbesondere treten in der deutschen LiteraturAeußerungen einer bewußten Vaterlandsliebe früher nur in sehr vereinzelten Stimmenund in neuerer Zeit erst in vollerem Chor hervor.
Ehe wir auf die Suche gehen, ist es nöthig, daß über Ursprung und Begriffdes zu suchenden Gegenstandes eine Verständigung herbeigcführt wird. Das Darm-