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Urtheilskraft.
kommene Sachkenntnis. Man verfahre daher genau und gründlich, nicht flüchtig undoberflächlich im Beobachten der Außen- und Innenwelt, und hüte sich vor Sinnestäu-schungen und Einbildungen. Nichts ist für die Bildung eines richtigen Urtheils nach-theiliger, als ein flüchtiges, unaufmerksames Auffassen, und diesem hat der Erzieherdaher vor allem entgegenzuarbeiten. Zeigt sich das Kind zur Flüchtigkeit geneigt, soführe er es durch Umwege öfter auf dieselbe Auffassung zurück, damit sie wenigstensdurch diese wiederholte Thätigkeit die erforderliche Klarheit und Stärke erhalte; oder erveranlasse das Kind, au dem Gegenstände irgend etwas nach eignem Plane umzubildenoder auszubilden. Nichts prägt sich tiefer ein, als was wir uns durch zweckmäßigeSelbstthätigkeit zu eigen gemacht haben.
Hiermit hängt die pädagogische Regel zusammen, daß bei den Denkübungen nichtszu übereilen, das Kind nicht zu schnell von der concrcten Vorstellung zum abstractenBegriff hiuzuführeu ist. Beginnen wir die abstracte Verarbeitung der Anschauungen zufrüh, so zeigt sich bald ein Mangel an vorräthigen Vorstellungen, der nicht leicht nach-zuholen und durch nichts zu ersehen ist. Man lasse daher in dieser, wie in andererBeziehung Kinder Kinder bleiben, so lange die durch keine Verbildung gestörte Ent-wicklung es mit sich bringt. Die altklugen Kinder werden meistens sehr gewöhnlicheKöpfe. Die Natur hat gewollt, daß der Mensch zuerst überwiegend sinnlich und receptiv,darauf überwiegend reproductiv sei, und dann erst productiv werde für das Intellektuelle,und der Erzieher hat diese Ordnung nicht zu stören. Der Fortschritt vom concretenVorstellen zum abstracten Denken werde daher überall klar und rein ausgcführt, ohneSprünge, ohne zu große Schritte, und man stelle der Fassungskraft nur das als Auf-gabe, was sie zu fassen wirklich im Stande ist.
Ein großer Theil falscher Urtheile stammt aber nicht aus eignen Jrrthümeru, son-dern aus falschen Beobachtungen, Einbildungen, falschen Folgerungen re., welche wir vonandern Menschen überliefert bekommen und als wohlbegründete Wahrheiten annchmen.Schon früh Pflanze daher der Erzieher in die Seele des Zöglings den Trieb zu eignerPrüfung. Er gewöhne denselben, das von andern Uebcrlieferte nicht bloß historisch sichanzueignen, sondern sogleich in Denkverhältnisse zu setzen, dem früher Erfahrenen, Selbst-gedachten, Gelernten au der rechten Stelle anzureiheu und mit diesem zu vergleichen.Wo die Sache von der Art ist, daß sie ein eignes Schauen und eigne Versuche erlaubt,rege und leite er das Kind auch zu diesen au, nehme, was aus eigner Triebkraft her-vortritt, mag es auch den Produkten nach noch so unvollkommen sein, so bald cs nurmit Geistcsregsamkeit und aufmerksamer Benutzung des bereits Erworbenen ausgcführtist, mit wohlwollender Aufmunterung und Anerkennung auf und befördere solche Kraft-anstrengungcn durch Fragen, sowie dadurch, daß er den Fragen des Kindes, wo sie rechterArt sind, ein williges Ohr schenkt.
Neben der bescheidenen Skepsis gegen das von andern Aufgenommene ist in demZöglinge aber auch eine gewiße Skepsis gegen sein eignes Warnehmen und Erkennenzu begründen. Der Erzieher mache das Kind daher in rechter Art (so daß er es nichtentmuthigt) darauf aufmerksam, wie wenig es noch weiß, geschweige denn recht weiß;gewöhne dasselbe sein Urtheil aufzuschieben, wo ihm noch keine vollständige Begründungdafür gegeben ist. Besonders ist der Neigung zu voreiligem Generalisiren zu begegnen,indem die vorschnell gebildete und ausgesprochene Regel so schlagend als möglich durchentgegengesetzte Erfahrungen widerlegt und die Voreiligkeit des Urtheilens zum Bewußt-sein des Kindes gebracht wird. Ein hauptsächliches Erfordernis des richtigen UrtheilenSist die Gewöhnung an scharfe Trennung dessen, was wesentlich zusammengehört, von dem,was nur zufällig oder äußerlich mit einander verbunden auftritt, die Unterscheidung vonCausalnexus und bloß äußerlicher Folge, von räumlicher und zeitlicher Verbindung, vonindividuellen Gefühlsverhältnissen und allgemein menschlichen w. Hierdurch vorzüglicherhebt sich die höhere Vcrstandesbildung über die niedere; in dem Maße, wie sich nochVermischungen, Verwechselungen der verschiedenen Begriffs- und Beziehungsverhältnisse