Urteilskraft.
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gereiht, das praktische Urtheilen dagegen, die Uebcrlegung und die auf Abwägung des Fürund Wider beruhende Entschließung, wie oben angedcutet, dem Willcnsvcrmbgcn zugcthcilt.
Für die Pädagogik ist die Uebung und Schärfung der Urthcilskraft von höchsterBedeutung. Da die Urthcilskraft das wichtigste Glied im ganzen Denkvermögen ist,so ist Ausbildung der Urthcilskraft wesentlich einerlei mit Anleitung und Uebung imDenken, deren Werth und Nothwendigkeit niemand ableugncn kann. Wie die bloße An-eignung von Nahrungsstoffen nicht hinreicht, um den Leib gesund, stark und geschickt zumachen, so giebt ein bloßes Ansammcln von Kenntnissen dem Geiste keine Klarheit, Kraftund Gewandtheit. Beide, Körper und Geist, gelangen nur durch Uebung, durch selbst-thätige Regung und Ausgestaltung ihres Organismus, zur Vollendung. Die Uebungdes Leibes ist die Bewegung, die Uebung des Geistes ist das Denken.
Auch darüber kann kaum ein Zweifel bestehen, daß eine planmäßige, geordnete An-leitung zum richtigen Urtheilen und Denken in der Schule nicht unterlassen werden dürfe.Wie allerlei Spiele, Geschäfte und Arbeiten zwar den Leib üben, aber die planmäßiggeleitete Gymnastik nicht übcrflüßig machen, so üben allerlei Vorfälle und praktische Auf-gaben des täglichen Lebens und die mannigfaltigen Stoffe der einzelnen Wissenschaftenallerdings den Geist, aber sie machen die planmäßige Anleitung zum Denken nicht ent-behrlich. Die allseitige und harmonische Entwicklung der menschlichen Kräfte ist durchbloß gelegentliche, sporadische, oft rein zufällige Hebungen nicht sicher gestellt. So dien-lich dem Leibe eine geordnete, auf anatomisch-physiologischer Einsicht beruhende Gym-nastik ist, so dienlich ist dem Geiste eine systematische Uebung nach den Gesetzen der Logik.
Zwar giebt es ein Denken und Urtheilen auch ohne logisch durchgcbildctc Begriffe,und dieses Urtheilen ist im Grunde dasjenige, was im praktischen Leben außerhalb deswissenschaftlichen Zusammenhanges bei weitem am meisten vorkommt; denn wie seltensind die Begriffe, die wir in unfern Urtheilen verknüpfen oder trennen, logisch scharfbegrenzt! Es ist dieses praktisch erlernte Denken nicht schlechter, ja in vielen Fällen,weil es die Begriffe in ihrer Totalität vergleicht, richtiger, als das theoretische, welchesbei seinen Begrifsszerglicderungcn nicht selten an einem einzelnen Merkmale, dem es zugroße Wichtigkeit beilegt, hängen bleibt. Auch sind in der That die Gesetze der Logiknichts anderes, als die natürlichen Denkgcsetze, also die nämlichen Regeln, denen dergesunde Menschenverstand von selbst folgt. Dennoch bleibt cs Aufgabe der Pädagogik,die dem Geiste eingeprägtcn Normen des Denkens znm Bewußtsein zu bringen und zueiner umsichtigen und erfolgreichen Anwendung dieser Gesetze Anleitung zu geben. Einsolcher Unterricht zeigt die Bedingungen und Grenzen der menschlichen Einsicht, reinigtdas Denken von Trug und Flitter, liefert dem Geiste die Gesichtspunkte für seine eigeneArbeit und den Maßstab für fremde Dcnkproducte, und giebt dem Urtheile Sicherheitund Schärfe, aber auch Bescheidenheit und rücksichtsvolle Milde. Dabei ist das Haupt-gewicht auf die Anwendung der logischen Gesetze, auf die Klärung und Ordnung dervorgeführten Erkenntnisse und Gedankenkreise zu legen. Logik wissen nützt wenig, aberLogik anwcndcn nützt viel.
Was hat nun die Schule für die Ausbildung der Urthcilskraft zu thnn? Daß inder Volks- und gewöhnlichen Bürgerschule kein besonderer theoretischer Unterricht in derDenklehrc zu crtheilen sei, ist an sich klar; aber das bewußte Denken, daö richtige Ur-theilen ist auch hier schon methodisch zu üben, und nicht dem bloßen Zufalle zu über-lasten. In dem Artikel „Denkübungen" ist hierüber das Wesentliche bemerkt. Wirfügen hier hauptsächlich nach den treffenden Bemerkungen Beneke's (Erziehnngs- undUnterrichtslehre I. §. 31 ff.) noch Folgendes hinzu. Da die einfachste Operation derUrtheilskraft in der Verbindung von Merkmalen zu Begriffen besteht, die Merkmale aberaus Vorstellungen und Anschauungen entnommen werden: so ist die Gewinnung richtigerVorstellungen, d. h. die richtige Auffassung der Erkenntnisobjecte die notwendige Basiseines richtigen Urtheils, und die erste Regel für die Ausbildung der Urtheilskraft lautet:Verschaffe dir über die Gegenstände, welche du beurtheilen willst, eine möglichst voll-