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9 (1873) Spanien - Vives
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Urteilskraft.

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oder einzelnen Urtheile abgeleitet wird ; so vollzieht sich eine Folgerung im weiternSinne; geschieht dagegen die Ableitung so, daß man ans zwei gegebenen Urthcilen eindrittes herleitet, so entsteht die besondere Art der Folgerungen, welche Schluß heißt.Die zur Bildung eines Schlusses gegebenen beiden Urtheile werden die Vordersätze (Prä-missen), das aus ihnen abgeleitete neue Urtheil bildet den Schlußsatz (evuelusio). Diebeiden Prämissen enthalten drei Hauptbestandtheile: einer derselben wird das Subject desSchlußsatzes und heißt der Untcrbegriff (terminns minor); der andere wird das Prä-dicat des Schlußsatzes und heißt der Oberbegriff (torminus major); der dritte, welcherin beiden Vordersätzen vorkommt, in den Schlußsatz aber nicht eingeht, bildet den Mit-telbegriff (tsrminus moäins) und spielt im Schlüsse dieselbe Rolle, wie die Copula imeinfachen Urtheil, indem er das Verhältnis zwischen Ober- und Untcrbegriff deutlich machtund dadurch den Schlußsatz vermittelt.

Benutzt man den Schlußsatz eines Schlusses als Prämisse eines neuen Schlussesund verbindet man auf diese Weise mehrere Schlüsse zu einem Ganzen, so entsteht eineSchlußkette, die zum förmlichen Kettenschluß sich gestaltet, wenn man die Vorder-sätze zum Theil als zugestanden voraussetzt und verschweigt.

Mittelst der bisher bezeichnten Operationen durchdringt und beherrscht nun dieUrtheilskraft das ganze Gebiet der Wissenschaften, auf dem sie überall leitend und ordnendthätig ist. Schon die Verbindung mehrerer Merkmale zu einem Begriffe setzt ein Urtheil vor-aus; jedes wissenschaftliche System und jede wissenschaftliche Abhandlung aber besteht auseinerVielheit von Gedanken und Urtheilsreihen, welche ein innerlich zusammenhängendes Gan-zes bilden und sich gegenseitig stützen und ergänzen. Dazu ist nicht nur Gleichartigkeitder Erkenntnisse, sondern auch Einstimmigkeit der Erkenntnisweise nothwcndig. Jenewird durch das Wesen der zu untersuchenden Gegenstände, diese durch die leitenden Grund-sätze der wissenschaftlichen Arbeit bedingt. Logisch betrachtet sind diese Grundsätze nichtsanderes, als allgemeine Denkgcsetze, Normen des Urthcilens. Hierher gehören vor al-lem die formalen Principien aller wissenschaftlichen Forschung, ohne deren Befolgung keinemethodische Gedankcnentwicklung stattfinden kann. Das Gesetz der Einerlcihcit (prinol-pium iclsntltatis), des Widerspruchs (pr. contrullietioinZ), des ausgeschlossenen Drit-ten (pr. exalnsi tertii) und des zureichenden Grundes (pr. rntionis sulUeientis); aberauch alle speciellcn Regeln, welche für die Anordnung der auf einem wissenschaftlichenFelde sich darbietenden Warnehmungen Anwendung finden. Das ganzeinductorischeVerfahren steht unter dem maßgebenden Einflüsse des Urthcilens. Die Ausgangs-puncte der Induktion sind allerdings Thatsachcn, Warnehmungen; aber diese geben zu-nächst nur Einzelvorstellungen. Um allgemeine Wahrheiten zu finden, haben wir die gleich-artigen Merkmale zn höhern Einheiten, zu Begriffen und weiter zu generellen Urthcilen zu-sammenzufassen. Nicht weniger fällt die Analogie und die wissenschaftliche Hypo-these den Gesetzen des Urtheils anheim, und was die Dcduction, die Ableitung vonErkenntnissen aus bereits gewonnenen Urthcilen mittelst des Beweises aulangt, so istzu bemerken, daß jeder Beweis der Forni nach nichts anbercs, als eine Folgerung oderein Schluß ist, wobei nur das zu beweisende Urtheil (der Lehrsatz, die Thesis) schongegeben ist, die dasselbe begründenden Urtheile aber (die Prämissen, Beweisgründe, Ar-gumente) erst gesucht werden mäßen.

Psychologisch wird die Urtheilskraft bald dem Verstände, bald der Vernunft, baldbeiden eingeordnet, ein anderes mal auch als ein besonderes Vermögen der Seele be-trachtet, je nachdem Verstand und Vernunft mehr oder weniger scharf von einander ge-schieden und die Sphären ihrer Thätigkeit so oder anders bestimmt werden.

Versteht man unter Verstand das Vermögen zu unterscheiden und das Unterfchicdenedurch Hervorhebung bestimmter Eigenschaften auseinänderzuhalten und mit Bestimmtheitund Klarheit als ein für sich Seiendes hinzustellen, mit einem Worte das Vermögen derBegriffsbildung, unter Vernunft aber das Vermögen, die lebendige Einheit der verschie-denen Verstandescrkenntnisse aufzufinden und darzustellen, das Einzelne somit vom höhe-