Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
614
Einzelbild herunterladen
 

614

Urteilskraft.

Die Thätigkcit der Urtheilskraft vollzieht sich in folgender Weise: die dreinotwendigen Bestandteile des Urteils sind das Snbjcct, das Prädicat und die Copnla.Das Snbjcct ist diejenige Vorstellung, auf welche eine andere Vorstellung bezogen wird;es tritt zuerst in das Bewußtsein und eröffnet den Urthcilsact; das Prädicat, d. h. dieVorstellung, welche auf das Subjcct bezogen wird, kommt hinzu. Aber erst durch diebewußte Beziehung des Prädicats auf das Subjcct durch die Copula wird das Urtheilvollzogen. Die Copula ist daher das entscheidende Moment des UrtheilS, in ihr liegtdie Entscheidung über das Verbundcnsein oder Getrenntsein des Subjects und des Prä-dicats, sowie die Bezeichnung des Grades der Gewißheit dieser Entscheidung. DasSub-ject kann sowohl eine Einzelvorstellung als ein Begriff sein. Im crstcrcn Falle heißtdas Urtheil ein einzelnes (singuläres, individuelles), im andern Falle entsteht ent-weder ein besonderes (particuläres, spcciellcs) oder ein allgemeines (universelles,generelles), je nachdem der BcgriffSnmfang nur thcilweise oder ganz als Subjcct gesetztwird. Während nachdem Umfange, den das Subjcct eines Urtheils hat, die Quanti-tät des letztcrn bemessen wird, versteht man unter der Relation der Urthcile dieBeziehung des Prädicats auf das Subjcct, und unterscheidet das kategorische (be-dingungslose, voraussehnngslose) Urtheil von dem hypothetischen (bedingten, von einerVoraussetzung abhängigen) Urthcile. Wird das Prädicat dem Snbjccte zugesprochen, soheißt das Urtheil ein affirmatives (bejahendes, positives), wird jenes diesem abgebro-chen, so entsteht ein negatives (verneinendes) Urtheil. Nach diesem Unterschiede bestimmtman die Qualität der Urthcile, während von dem Grade der Gewißheit oder Ueberzcugung,mit welchem sie gebildet und ausgesprochen werden, die Modalität abhängt. Hiernacherscheint die Wahrheit eines Urtheils entweder als möglich (problematisches Urtheil), oderalswirklich (assertorisches Urtheil), oder endlich als nothwendig (apodiktisches Urtheil).

Bei allen diesen Arten der Urthcile ist der Denkact derselbe; wesentlicher ist derUnterschied zwischen analytischen oder ErläuterungSurthcilen und synthetischen oderErweiterungsurtheilen, indem in den analytischen Urtheilen die Behauptung durch bloßeZergliederung eines gegebenen Begriffs, durch Zerlegung desselben in seine Bcstandtheilegewonnen wird, wodurch unsere Erkenntnis nicht sowohl erweitert, als vielmehr nur auf-geklärt wird, während in synthetischen Urtheilen die Verbindung zweier Begriffe verschie-denen Inhalts sich vollzieht, durch welche etwas neues zum Subjcctsbcgrisfe hinzukommtund unser Wissen an Umfang gewinnt. Conjunctive Urthcile nennt man solche,in denen mehrere Prädicate durch die Beziehung aus ein Subjcct zu einer Einheitverbunden werden, divisive und disjunctive Urthcile solche, in denen ein Ganzesin seine Theile zerlegt wird, sei es, daß einfach die Coordination der Theile (divisivcsUrtheil) oder die Ausschließung derselben (disjunctives Urtheil) hcrvorgchoben wird.Die zuletzt genannten drei Arten von Urtheilen reihen sich als zusammengesetzte Urthcilean die einfachen an, in welchen nnr je ein Subjcct oder ein Prädicat enthalten ist; dieThätigkcit der Urtheilskraft wird durch die zusammengesetzten Urthcile auf immer weitere Gebietegeführt, wie denn alle Erklärungen und Eintheilungen (Definition, Division,Partition re.) sich auf conjunctive, disjunctive und divisive Urthcile zurückführcn lassen.

In das Gebiet der Urtheilskraft gehören aber auch die Folg crungen und S ch lüsse,d. h. diejenigen Urthcile, welche nicht unmittelbar aus dem Wesen oder dem Verhältniseines bestimmten Erkcnntnisgcgcnstandes gefunden, sondern erst aus einem andern Ur-theile abgeleitet werden. Geschieht die Ableitung aus einem gegebenen Urthcile auf reinlogischem Wege wie bei dem gleichgcltenden (äquipollenten) Urthcile, wobeiman die Qualität (Bejahung oder Verneinung) sowohl des Subjects als auch desPrädicats ändert; bei der Umkehrung (eonvorsio), bei welcher mau das Prädicat zumSubjcct und das Subjcct zum Prädicat macht ohne die Qualität zu ändern; bei der* Entgegenstellung (oontrupositio), d. h. bei der Umkehrung eines Urtheils mit Ver-änderung seiner Qualität; bei der Unterordnung (sulmltsrnutio), wobei aus derWahrheit eines allgemeinen Urtheils die Wahrheit der ihm untergeordneten besondern