Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
611
Einzelbild herunterladen
 

Unterrichtszeit.

611

davon sind für viele Lehrer auch 4 auf einander folgende Stunden schon eine ziemlichegeistige und körperliche Anstrengung, und man darf in dieser Beziehung andre Berufs-arten nicht vergleichen. Denn wenn man auch die Nöthigung des lauten Sprechensunberücksichtigt lassen wollte, so gilt cs für den Lehrer, nicht bloß selbst thätig zu sein,sondern durch die eigene Thätigkeit eine ganze Schaar muntrer Knaben und Jünglingeebenso wohl in Ordnung, als in geistiger Beschäftigung zu erhalten, sie lebhaft anzu-regen und doch ihrer Lebhaftigkeit immer die nöthigcn Grenzen zu setzen. Die Schwie-rigkeit wächst, die Ansprüche an die anregende Kraft des Lehrers steigern sich in demselbenMaße, als die Abspannung auf Seiten der Schüler zunimmt.

In Betreff der Ferien darf zunächst auf diesen Artikel verwiesen werden. DieAusdehnung derselben hat in Preußen wohl etwas zugcnommen; betrug sie hier zur Zeitder Eirc.-Verf. von 1837 etwa den 6. Theil des Jahres, so ist sie jetzt gesetzlich aufden 5. Theil gestiegen, da sie 10'/^ Wochen beträgt. Auch hier mag der Wunsch derLehrer, eine größere, zusammenhängendere Zeit zu freier Disposition zu haben, unddie durch die Erleichterung des Verkehrs gesteigerte Reiselust für die Behörden, diesich aus dem Lehrcrstande recrutirt haben und ihrerseits selbst an zusammenhängendenSchulferien mehr oder weniger theilnchmen, maßgebend gewesen sein. Es ist nicht zuleugnen, daß hierdurch die Uebelständc des ungleichen Sommcrsemcstcrs erheblich gestiegensind und während desselben in den Unterricht eine nicht vorthcilhafte Hast gekommen ist.Dagegen sind manche kleine Ferien, wie an Jahrmärkten u. s. w., grvßtentheils abge-schafft, was der Regelmäßigkeit des Unterrichtes nnr förderlich geworden ist. Die Feriensind in Preußen für die evangelischen Gymnasien über das Jahr so vertheilt, daß aufden Abschluß der Semester zu Ostern und Michaelis eine Ferienzeit von je 14 Tagenfolgt, in die Mitte des Sommers die großen Ferien von 4 Wochen fallen und dem ent-sprechend die beiden Wintcrquartale durch 14tägige Weihnachtsfericn getrennt werden,wozu noch eine halbe Woche zu Pfingsten kommt. An den katholischen Anstalten unddurchgängig in der Rhcinprovinz und größtentheilS in Westfalen fallen statt der Somincr-ferien an den Schluß des mit dem l.October beginnenden Jahrescursus sechswvchcntlicheHerbstfericn (Wiese a. a. O. S. 35, 627). Auch in Oesterreich ist man von den frü-heren zusammenhängenden Ferien von 8 Wochen nach dem Oesterr. Organ. Entw. (8- 53u. S. 8) so znrückgekommcn, daß vicrwöchcntliche Ferien in den Herbst an den Schlußdes Jahrescursus fallen, im ganzen aber die Ferien zusammen eine Zeit von 8 Wochenumfassen, zu denen freilich die große Zahl kirchlicher Festtage kommt. Mit Rücksicht aufdie letzteren dürfte auch in den übrigen deutschen Staaten das Maß der Ferien 910Wochen betragen, und diese sind über das Jahr so vcrtheilt, daß in den katholischenLändern die größeren Ferien in den Herbst, in den evangelischen norddeutschen in denSommer zu fallen pflegen. Die Einrichtung, den Jahresschluß nicht von dem beweglichenOsterfest abhängig zu machen und das gewöhnlich kurze Sommcrsemcstcr nicht durch diegroßen Sommcrfericn zu unterbrechen, hat viel für sich, während andrerseits die Stimmenfür halb- und ganzjährige Curse bekanntlich sehr gcthcilt sind (vgl. Gymnasium S. 18!»u. 190). In England folgen an den berühmten Erziehungsanstalten auf einen ^jäh-rigen zusammenhängenden Unterricht Ferien von der Dauer eines Vierteljahres. Diesfindet seine Erklärung in den dortigen Verhältnissen. Ist der Zögling in jenen Anstaltenso lange ganz der Familie entzogen, so bedarf er eine längere Zeit, um wieder völligdein so intensiv ausgebildctcn Familienleben, wie cs in England herrscht, anzugchörcnund den cigenthümlichcn und anstrengenden Hebungen, welche das Landleben für denjungen Gentleman mit sich bringt, der Jagd, dem Reiten re. nachzugehen. Die mannig-fachen Schilderungen des englischen Lebens stimmen darin überein, daß diese Ferienzeitder dortigen Jugend wirklich zu lebhafter Anregung und Erholung, zur Sammlungneuer Eindrücke und Erfahrungen, zur Bekanntschaft mit dem geselligen Leben dient,wcht zu einer abspanncnden Langcnwcilc wird, die das Sprüchwort von den verderblichenFolgen des Müßiggangs bestätigt. Andrerseits verhindert das frische, auch mit körpcr-