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9 (1873) Spanien - Vives
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Unterrichtsgegeiiständc.

dcr Natur fordert zum Nachdenken über den ursächlichen Zusammenhang der Erschei-nungen auf. Farben und Formen dcr Naturkörper und Phänomene, die Schönheit derLandschaft und dcr Eindruck, den die Welt in ihrer Harmonie und Erhabenheit macht,rufen das ästhetische Urtheil hervor und das Unbegreifliche, wie die Spuren von weiserZweckvcranstaltung erwecken religiöse Gedanken. Aber auch die Interessen der Thcilnahmefinden ihre Nahrung, die Natur ist nicht nur ein Object unserer Beobachtung, unseresDenkens, unserer Bcurthcilnng; sie ist uns auch ein lieber, uns bald beruhigender, balderhebender Umgang; auch die poetische Naturanschauung hat ihr Recht. Sie läßt unsnicht nur die Thierwelt als eine Welt beseelter Wesen erkennen, sondern legt auch denPflanzen und dem todten Gesteine Leben und Empfindung bei. Ein naturkundlicherUnterricht, der auch diese Naturbetrachtung zur Geltung kommen läßt, wird auch unsereThcilnahme erwecken nsid uns dem unermeßlich Großen und dcr mikroskopischen Wunder-welt gegenüber zu religiöser Demuth und Erhebung führen.

Man sieht, daß eine Bemerkung, die oben über die Geschichte als Untcrrichtsgcgcn-stand gemacht wurde, in gewißem Sinne auch für die Naturkunde als solchen zur Gel-tung kommt: die Grenzen eines Unterrichtsgegenstandes fallen nicht immer mit denender gleichnamigen Wissenschaft zusammen. Wir haben deshalb oben vorsorglich für dasUnterrichtsfach den NamenNaturkunde" dem NamenNaturwissenschaft" vor-gezogcn. Der naturkundliche Unterricht hat cs mit der theoretischen, derästhetischen und der poetischen Naturbctrachtung, die Naturwissenschaft nurmit dcr theoretischen zu thnn.

Auf keinem Gebiete des Unterrichts liegt die Gefahr dcr Zerstreuung, welche zurVielseitigkeit des Interesse, die dcr Unterricht erzeugen soll, im Gegensätze steht, so nahe,wie auf dem der Naturkunde. Daher ist es doppelt nöthig, bei der Auswahl desnaturkundlichen Unterrichtsstoffes den Zweck des erziehenden Unterrichts überhaupt undden des naturkundlichen Unterrichts insbesondere streng im Auge zu behalten. Aus demZwecke des erziehenden Unterrichts folgert die Didaktik, daß sich derselbe auf das Ele-mentare und Fundamentale zu beschränken und alle Vereinzelung deS Wissens zu ver-meiden hat. Die Aufgabe des naturkundlichen Unterrichts ist cs, Erfahrung und Umgangim Gebiete der Natur zu ergänzen. AuS beiden Zweckbestimmungen lassen sich leichtFolgerungen ziehen, wie die, daß der naturkundliche Unterricht von dcr Betrachtungunserer eigenen, menschlichen Natur und dcr Heimat auszugchen und den Horizont desSchülers erweitern muß, soweit cs dessen Individualität gestattet, daß er seinen Stoffder Anthropologie, dcr Zoologie, Botanik und Mineralogie, dcr Physikund Chemie, sowie der Geographie entnehmen, daß ihm das Streben nach syste-matischer Vollständigkeit fernbleiben muß, aber trotz der Verschiedenheit der Wissen-schaften, denen er seinen Stoff verdankt, die Einheit nicht verloren gehen darf.

Die Geographie haben wir im Vorstehenden als ein naturwissenschaftliches Fachaufgeführt. Nicht nur um der politischen Geographie willen, welche die Erde als Wohnsitzdes Menschen betrachtet, sondern auch wegen der theilweisen Abhängigkeit menschlicherCnltur von Verhältnissen, über welche uns die physische und die mathematische Geo-graphie belehren, ist sie jedenfalls ebenso gut auf die geschichtliche, wie auf die natur-wissenschaftliche Seite des Unterrichts zu stellen. Welche Bedeutung sie gerade darumfür die Conccutration des Unterrichts hat, gehört nicht hieher.

In ähnlicher Weise, wie durch den geschichtlichen der Sprachunterricht,, wird durchden naturkundlichen der mathematische Unterricht bedingt. NaturwissenschaftlicheBeobachtungen bestehen im Zählen/ Messen und Wägen; Naturgesetze werden in Gestaltmathematischer Formeln ausgesprochen; die Nothwendigkeit der durch Beobachtung gefun-denen Gesetze wird auf mathematischem Wege bewiesen. Allerdings kann der Unterricht dennaturkundlichen Lehrstoff nicht durchweg und nicht ans allen Stufen und allen Schulen inder Weise dcr wissenschaftlichen Physik, Mechanik oder Astronomie behandeln; aber nirgendsdarf cs an genauen Bestimmungen durch Zählen und Messen und Wägen fehlen.