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9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
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Taubstummenbildung.

deutsche Schule verwirft jede künstliche Geberdensprache, das Handalphabet und dieFingersprache und bedient sich der Lautsprache hier, weil der Laut dem Taubstummennicht vernehmbar ist, aucb Articulation genannt in unmittelbarer Verbindung mitder Schriftsprache als der einzigen zum Denken mit Bewußtsein führenden Lehrform,weshalb sie den Sprachunterricht zum Mittelpunct des ganzen Tanbstummcnunterricktsmacht. Während die französische Schule das Ziel verfolgt, daß der Taubstumme seineGedanken und Empfindungen durch künstliche Geberden und durck Schrift znm Aus-druck bringen und Druck- und Schreibschrift lesen und verstehen lerne, erweitert diedeutsche dasselbe dahin unter Ausschluß der künstlichen Geberde, den Taubstum-men zum selbständigen Gebrauche der Lantsprache im Verkehr mit andern zu führen.

Wenn im Verlaufe einer fast hundertjährigen Entwicklung die vollständigsten Mate-rialien zur Beurtheilung der Erfolge beider Schulen gegeben sind beide weisen aufhervorragende Zöglinge hin, die französische auf Sabourcux, Mussten, Clerc (vergl. frcimüth.Jahrbb. X. S. 54), die deutsche auf Teuscher, Habcrmaas, der freilich bis ins 8. Jahrhörend war, und andere, während sonst in der Regel kein Taubstummer sich in irgendetwas über die Mittellinie der Brauchbarkeit erhebt (vergl. Palmer, evang. Päd. II.S. 277 erste Aust.) und wenn trotzdem und trotz der ausgedehnten literarischenFehde der Wortführer beider Schulen gleichwohl noch keine derselben zur ausschließlichenGeltung gelangt ist, vielmehr sämmtliche romanische Nationen vorwiegend der fran-zösischen, die germanischen dagegen, wenigstens in allen neueren Anstalten, vorwiegend derdeutschen folgen schon 1826 waren Wien und Camberg noch die einzigen deutschenAnstalten nach der französischen Schule, so muß der Grund davon doch in tieferenMomenten liegen, als in nationaler Eitelkeit und hergebrachtem Schlendrian. Eineernste Auffassung der Taubstummenbildung kann überhaupt nur da und dann erst er-wartet werden, wo und wann die Volksbildung der Vollsinnigen eine solche erbaltenhat. Das ist bei den germanischen Völkern, zumal denen protestantischer Konfession,der Fall; die jede Abrichtung principiell verwerfende deutsche Volksschulpädagogik istauch der deutschen Taubstummenbildung zu gute gekommen und hat auch der letzterenhöhere Ziele stecken dürfen.

Ein Taubstummer, der zur selbständigen Anwendung der Lantsprache und zur Sicher-heit im Absehen der Worte vom Munde beliebiger Dritter, also zur Fähigkeit gebrachtist, sich mit seiner Umgebung durch das gesprochene Wort zu verständigen, hat für daspraktische Leben unzweifelhaft eine größere Brauchbarkeit, als der solcher Fähigkeit ent-behrende, auf die Mittheilnng durch Schrift oder Geberde beschränkte. Wäre es alsounbestritten, daß die deutsche Schule jenes Ziel bei jedem mit normalen Sprackwerk-zeugen und mit gesundem Gefühl und Gesicht ausgerüsteten wirklichen Taubstummeninnerhalb einer bestimmten Zeit erreichen könne und Sägcrt hält S. 34 die Mög-lichkeit der Wortsprache für gewiß bei 99 unter 100 Fällen und behauptet, die Wahr-scheinlichkeit, sie zu erlernen, hänge nur von der Tüchtigkeit des Lehrers ab so wärees unverantwortlich, wollte man derselben nicht überall den Vorzug geben. Es wirdaber bestritten, daß dies Ziel ohne Vernachläßigung dringenderer Aufgaben in dem an-gegebenen Verhältnisse und Maße erreichbar sei, wie die Heinickeschc Behauptung, daßder Taubstumme nur durch die Articulation zu richtigem Denken gebracht werde, alsunhaltbar längst aufgegeben ist. Schon die Schriftsprache allein und die Schriftzeichendienen dazu, die in der Seele liegenden Vorstellungen und Ideen in's Bewußtsein zurufen und unter einander zu verbinden, wie u. a. die berner Anstalt gezeigt hat. Kannder Gebrauch der Lautsprache dem Taubstummen nicht zugesichert werden, sagt man,so ist die Erlernung oder gar die Anwendung derselben als ausschließliche oder vor-wiegende Lehrform beim Taubstummenunterricht weder rathsam noch nöthig. DieserSchluß ist unrichtig, es wäre ebenso, als lernte der Vollsinnige die altclassischen Sprachennur zu dem Zwecke, um darin conversiren zu können. Die Erlernung der Lautspracheist an sich bildend; die Aufmerksamkeit, das Nachdenken und der Fleiß, welche dabei