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9 (1873) Spanien - Vives
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Tanzen.

Tanzril findet sich wohl bei allen Völkern der Erde. Es ist der Ausdruck erhöhtenLebens, besonders einer freudigen Erregung des Gcmüthcs, welcher die Worte und diegewöhnlichen Gebenden nicht genügen, die auch Füße, Hände, ja alle Thcilc des Leibesin Mitbcthätigung zieht. Leib und Seele freuen sich mit einander. Der tanzendeMensch geht ganz in die gehobene Empfindung aus, er ist ganz Lebenslust. Was aberdiesen Ausdruck der inneren Lust und Freude in allerlei Bewegungen, das muntereTrippeln, Schnellen und Springen der Füße, das lustige Aufwerfcn der Hände erst zumTanz macht, ist das Gesetz und Maß in Form und Zeit, nach dem die innerenVorgänge ihren Ausdruck finden. Tie Thiere, besonders die jungen, wie Lämmer, Kälber,springen auch vor innerer Lust; aber es ist nur eben das rohe, sinnliche Behagen. DerMensch, der mit seinem Geiste die Sinnlichkeit zu beherrschen berufen ist, giebt auchdiesen Fortbewegungen Regel, Amnuth und Würde. Der Tanz wird so in der oder jenerForm Sitte, ja er steigert sich bis zu einer Kunst, die den menschlichen Leib selbstals Stoff einer lebendig-plastischen Darstellung geistiger und gcmüthlicher Vorgängeverwendet.

Ter Tanz ist in der menschlichen Natur wohl begründet und hat darum, wie jedeKunst, seine natürliche Berechtigung. Sprachlich stammt der Tanz Wohl von dem alt-hochdeutschen clansSu und bezeichnet nach Weigand einenach Kunst und Zeitmaß ge-ordnete eigene Bewegung des Körpers, gewöhnlich zum Vergnügen."

Wie sich aber nun der Tanz gestalte, das hängt von dem Inhalte dessen ab, wasGeist und Herz bewegt. Die Tänze sind darum je nach der Verschiedenheit des Geistesund der Bildungsstufe der Völker sehr verschieden. Im Volk Israel finden wir denTanz in Verbindung mit dem Gottesdienst; er stellt sich dar als ausdrucksvollste Be-gleitung von Psalmen und Lobgesängcn. Mirjam, die Prophetin, nahm nach dem Durch-zug durch das rothe Meer eine Pauke zur Hand, alle Weiber folgten ihr nach mitPauken am Reigen, also in einem tanzenden Aufzug, und Mirjam sang ihnen vor.(2. M. 15, 20. 21.) So die Tochter Jephthah (Nicht. 11, 34). David tanzte nach2. Sam. 6, 14 bei der Einführung der Bundeslade in Jerusalemmit aller Macht"uud sein Weib Michal sah ihn springen und tanzen vor dem Herrn." Er illustrirtedamit das Wort des Ps. 84, 3:Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigenGott." Dieses Tanzen bestand wohl aus schön und zierlich bemessenen Schritten undSprüngen, denen das freudige Aufwerfcn und Bewegen der Arme entsprach und derenSeele ohne Zweifel das begeisterte Lob Jehovah's war. Auch bei den alten EgYP-tern stand der Tanz mit gottesdienstlichen Handlungen in Verbindung. Die Israe-liten, die zur Zeit Mosis das goldene Kalb verehrten, haben wahrscheinlich ihrenSingetanz" aus Egypten mitgebracht. Auf der Insel Delos gab es keine Opferhand-lung, bei der nicht Jünglinge in Chören mittanztcn, labyriuthische Tänze genannt, weildie Bewegungen der Tanzenden die Jrrgänge des kretischen Labyrinths nachahmen sollten.Auch die Mysterien der Griechen hatten ihre Tänze.Die Tanzkunst der Alten," sagtG. H. Schubert (Gesch. der Seele)war nicht, wie bei uns, ein üppiges Springenund Verdrehen der Hetärengliedcr, sondern zuerst das unwillkürliche, rhythmische Mitbe-wcgen der Glieder beim lebenskräftigen Gesänge: das ernste, gemessene Umschrcitcn desAltars der Götter." Die Geschlechter erschienen dabei getrennt: nur Tänze von Männernoder Jungfrauen. Doch tritt der Tanz auch schon im hebräischen und griechischen Alter-thume bei anderen als gottesdienstlichen Anlässen auf als Ausdruck freudig erregterLebenslust.

Tie Töchter von Siloh kommen (Nicht. 21, 21.) ins Freie mit Reigen (^Reihen,Tanzkctten) zum Tanz. In Juda sollen die Jungfrauen nochfröhlich am Reigen"sein (Jer. 31, 13). Und daß auch die Kinder schon den Tanz in ihre Spiele gezogenhatten, ersehen wir aus den Worten Jesu (Matth. 11, 17), die er den Kindlein in denMund legt:Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen." Wie der Tanzauch die Hoffeste verherrlichte, lehrt uns die Tochter der Herodias. Indien hatte