356
Tabakrauchen.
so rauchen auch die Buben. Rauchen die Männer nicht mehr, so werden auch dieBuben nach und nach aufhörcn. Hören die Nauchbubcn auf, so mindern sich in dem-selben Maße auch die Ranchmänncr, denn diese erwachsen ja ans jenen. Je mehr sichso die Rauchsitte ans den Kreisen der Gebildeten zurnckzöge, desto mehr verlöre sie anihrer ziehenden Gewalt. Es kehrte damit wieder in Niederungen des Volkslebens zurück,ans denen cs nach nnd nach, wie ein böser Nebel, anfgestiegcn ist. „In der That,"so schrieb s. Z. der ehrwürdige Präsident des 1. Stuttgarter Kirchentags auf dieUeber-sendung der „Ranchhere," „bin ich der Ansicht, daß, wenn die Cigarre nicht nur ausdem Munde der Knaben, sondern auch der Jünglinge und Männer verschwände,unser Volk einen Schritt vorwärts in ächt christlicher Bildung gethan hätte. Die bestenBundesgenossen in diesem Kriege," fügt er bei, „sind die Frauen. Ich glaube nichtzu irren, daß die Unsitte gegen das schwächere Geschlecht und das Uebcrhandnehmender Cigarre in diesem Jahrhundert Schritt gehalten hat."
Indem wir den rauchenden Männern und sonderlich den Lehrern nnd Erziehern derJugend das Opfer der Rauchentsagung zumnthen, verhehlen wir uns nicht den mög-lichen Einwurf: „Soll es nicht genügen, daß Wir in unserem Amte das Unsere thnn?sollen wir auch in unserem Privatleben des jungen Volkes Knechte sein? Wir sagendarauf: Wer sich als Lehrer der Jugend für einen bloßen Stundengeber hält, der wirdfreilich für unsere Zumuthung kein Ohr habe». Wer aber ein wirkliches Lehrer- undHirtcnhcrz hat, der fühlt sich auch vor Gott nnd seinem Gewissen verpflichtet, mit seinerganzen Persönlichkeit für die Jugend einzntreten nnd dem Knaben und Jüngling nachjeder Seite hin ein nachahmenswerthcs Vorbild vor Augen zu stellen. Das Vorbilddes Lehrers, Erziehers, Seelsorgers wird um so mehr von Einfluß auf die Schülerund Zöglinge, zunächst die beßercn wenigstens, sein, je mehr cs auch dem jungen Ver-stände schon einlcuchten kann: der Mann könnte wenn er wollte.
Oder treten wir etwa mit der Zumuthung einer solchen Entsagung der persönlichenFreiheit des Mannes zu nahe? Wir glauben nicht. Uns will es vielmehr bedünken, alsforderten wir für die Jugend maßgebende Männer zu einer schönen Erweisung ihrer per-sönlichen Freiheit auf; denn die sittliche Freiheit des Menschen, namentlich des Christensteht ja nicht in schrankenloser Willkür, sondern in verständiger, billiger, liebenderSelbstbeschränknng, die sich namentlich gern aus Rücksicht auf des Nächsten Schwachheitauch solche Dinge versagt, zu denen sie für sich die innere Vollmacht hätte.
So, von Beispiel nnd Leben unterstützt, würden auch die Belehrungen undWarnungen über und gegen das Rauchübcl erst recht eindringlich werden und dieimmerhin aufrecht zu haltenden Rauchverbote würden mit um so mehr Ernst undNachdruck gehandhabt werden können.
Ganz besonders möchten Wir uns erlauben, dieLehrer an den höhern und höchstenLehranstalten aufmerksam zu machen auf den großen Einfluß, den ihr Vorgang auchrücksichtlich unseres Gegenstandes auf denjenigen Theil unserer Jugend üben dürfte, derspäter in die Reihen der Gebildeten nicht nur, sondern der Bildner des Volkeseintreten wird. Die Verbreitung des Tabakrauchens ist wesentlich dadurch im Volkegefördert worden, daß es den ersten Trägern desselben, den Schifflcuten und Soldaten,durch Studenten abgenommen wurde. Das Seltsame und Abenteuerliche dieses Ge-nusses bestach nnd unterjochte zunächst dcn üos juvontutis, die akademische Jugend.Das Rauchen wurde unter den flotten Burschen des 17. Jahrhunderts Mode.
„Wann ich's nicht thät, ich nimmermehr
Kein Hlo-inoclo Stutzer wehr,"
spricht der Student auf einem satirischen Blatt ans jener Zeit, das als Cnicnm imgermanischen Museum zu Nürnberg aufbewahrt ist. Die Universitäten wurden sodie Brunnenstubcn, ans welchen die neue Mode nach und nach in die Stände derStudirten, in die Stndir- nnd Arbeitszimmer der Gelehrten, Pfarrer, Beamten abfloß;denn die bnrschicose Pfeife wanderte kraft der Gewohnheit mit vielen ins Philistertum.