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9 (1873) Spanien - Vives
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Spanien.

Lesen, Schreiben und Grammatik; mau laS alte und neue Gedichte; man lernte denKoran auswendig. Tie Untcrrichtsgcgcnsländc der Akadcmiccu umfaßten die Theologie,die Rechtswissenschaft, die Naturgeschichte und die Medicin. Im Anfang trat jeder alsProfessor aut, dem cs beliebte: dieEurse waren öffentlich und unentgeltlich; einige Lehrerempfiengen ein durchaus freiwilliges Honorar. Es gab auch Repetitoren. Mit der Zeitaber trat der Staat ins Mittel und ernannte die amtlichen Lehrer und Prediger. TieAraber in Spanien folgten hierin dem Brauch ihrer Brüder im Morgenlande.

Während des Zeitabschnitts, den wir hier durchlaufen haben, unterhielten die spani-schen Patrioten, klein au Zahl, aber dafür von unbeugsamem Mnth, einen fast ununter-brochenen Krieg gegen die fremden Eroberer und richteten allmählich im Norden der Halb-insel wieder christliche Monarchieen auf. Es war ein glorreiches Ringen, wie nur jeeines in der Geschichte, ein epischer Kampf, dessen Jliade der Nomanccro ist. Schlagenund singen! in diesen zwei Worten ist die ganze Geschichte des christlichen Spaniens imMittelalter enthalten; personificirt steht cs da in der großen Gestalt des Cid, Iluz'O'kmelo Vivnr, öl 61(l cumpeuäor. Ein solcher Stand der Tinge vertrug sich nicht wohl mitder Pflege der Künste und Wissenschaften: daS christliche Spanien blieb lange Zeit ebensounwissend als heldenhaft. Tie Kinder wurden, mit Ausnahme derer, welche man in denWstcrn einschloß, aus denen sie nicht mehr heraus kommen sollten, kaum anderswo alsin der Familie erzogen, und fast nur in körperlichen Ucbungcn und im Gebrauch der Waffenunterrichtet. Tie beständig wiedcrkchrcndc Nothwcndigkeit, die LandcSgrcnzcn zu verthci-digen, hinderte das Zustandekommen einer ccntralisirten Regierung. Nirgends in Europawar damals die persönliche Freiheit der niedcrn Stände so vollständig und die örtlichenBorrcchte ausgedehnter als hier. Andererseits zwar waren Ucbcrgriffc des Adels sehrhäufig und gaben Anlaß zu iunern Zwistigkeiten, manchmal sogar zu zeitweiligen Ver-bindungen mit den Muhammedanern,*) welche seit Almansurs Tode unter sich selbst un-einig waren. Für die Wissenschaft gab eS keinen Zufluchtsort, als tu den Klöstern, derenBewohner als bürgerlich todt galten und keinen Antheil am Krieg zu nehmen hatten;,aber Müßiggang und Weichlichkeit herrschte in diesen Asylen, welche oft in abergläubischemSinn gestiftet waren, als ob eine Schenkung an die Kirche Gcwaltthatcn rechtfertigenund Vollmacht geben könnte, Ungerechtigkeiten zu verüben.

Im zehnten Jahrhundert finden wir nur einen einzigen Gelehrten, dessen Name zunennen wäre: Hai ton, Bischof von Vich oder von Tssuna, Lehrer deS berühmten Gcrbcrt(Silvestern.) in der Mathematik, welch letzterer, wie man sagt, die arabischen Ziffern nachFrankreich brachte. Ganz allmählich indessen, sowie die Christen den Mauren mehr undmehr Boden abgcwannen, erlaubte die öffentliche Sicherheit lernbegierigen Männern ihrenDurst nach Wissen besser zu stillen. Mehrere Ursachen kamen zusammen, um die geistigeBewegung zu fördern: einerseits die wachsende Berühmtheit der scholastischen Philosophiein den Klöstern und der steigende Ruf der Pariser Universität, wohin von den fernstenGegenden Spaniens wie von den Enden Britanniens Jünglinge strömten, um in diekampflustigen Schaarcn der Realisten und der Nominalistcn einzutretcn; andererseits dieBedeutung, die man den Glossen der Araber zu Aristoteles und ihren wissenschaftlichenArbeiten aller Art znerkcnncn mußte, man mochte wollen oder nicht; ferner der brief-liche Verkehr, in welcben die in ihr Vaterland zurückgekehrtcn Graduirten von Paris miteinander traten; endlich die Gründung deS DominicanerordcnS, der sich in kurzerZeit über das ganze Abendland ausbreitctc, und eine Pflanzschule wurde für gelehrte

*) Edelmuth und ritterlicher Sinn ließ solche Runde zur nachdrücklichen Vcrtheidigung gutenRechts leicht möglich erscheinen: sockt doch der Cid selbst mit saraccuischen Walls gegen Ara-gonicii! So kam es, daß man selbst hinüber und herüber heirathete. Manche spanische Fa-milie hat maurisches Blut in ihren Ader», was aber später doch als ein Makel galt; und dierein gebliebenen waren aus ihr pur gotbischeö blaues Blut (sauZrs arut) nicht wenig stolz.

sDer Ncbcrsctzcr.)