Spanien.
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Der Genius des arabischen Volkes entfaltete sich in der Poesie, in rein erdichtetenErzählungen, bloßen Spielen der Phantasie, in Sprichwörtern, welche die sociale Moralund die geltenden Gedanken über die verschiedenen Verhältnisse des Lebens zusammcn-saßtcn. Außerdem standen die cxacten Wissenschaften, die Naturkunde und die Mcdicinin hoher Achtung. Es ist hier nicht der Ort, von den Verdiensten der Araber um dieAlgebra, die Astronomie, die Chemie und Botanik zu reden; kaum dürfen wir des Um-standes erwähnen, daß Juden aus Cordova, welche die Wissenschaft Avicennas*) überdie Pyrenäen trugen, die hauptsächlichsten Begründer der berühmten Schule von Mont-pellier gewesen sind. Nur das ist für uns wichtig zu bemerken, daß der vorherrschendeCharakter der arabischen Gelehrten in einer außerordentlichen Subtilität besteht, welche,auf religiöse Streitfragen angcwcndet, sich bald in Untersuchungen aller Art offenbarte,nachdem die Schriften des Aristoteles sie mit einer formell strengen Methode und miteiner ihrer Gcistcsrichtnng ganz entsprechenden Metaphysik bekannt gemacht hatten. Sobereiteten sie der Scholastik den Weg, so erstarrten sie selbst in unbeweglichem Formalis-mus und gaben ihren Nachbarn, den Christen Spaniens, ein gefährliches Beispiel. IhrEinfluß war bedeutend auch über die Halbinsel hinaus, doch hat man sich zuletzt glück-licherweise davon freigemacht. Wissenschaft und Leben waren bei ihnen geschieden, undder tiefste Grund ihrer unheilbaren geistigen Unfruchtbarkeit war das, daß ihrer Religionund sogar ihrer rein lyrischen Poesie der Leben gebende Hauch fehlte, welcher die wahreKraft des Christcnthnms ausmacht, jenes tiefe Sehnen nach dem Einklang zwischenHimmel und Erde, nach der Harmonie zwischen Glauben und Wissen, welches die großeTriebfeder der abendländischen Nationen gewesen ist und ihnen die endliche Erlösung ansden Banden des Mittelalters ermöglicht hat. Auch die Araber haben ihr Mittelaltergehabt, aber sie sind nach demselben beinahe wieder auf die gleiche Stufe zurückgesunken,auf welcher sie zur Zeit Muhammeds gestanden hatten.
Um sich eine Vorstellung von ihren Ansichten über die Erziehung der Kinder zubilden, mag man die von Freytag**) hcrausgegcbcnen Sprichwörter Meidanis durch-gehen. Es sind sinnreiche Sprüche, welche die kindliche Liebe, den Gehorsam, die Vor-thcile des Schweigens, den Werth der Erfahrung u. dgl. behandeln. Ein einziges Sprich-wort hat das Lob der Frauen zum Gegenstand: „Ein tugcndsam Weib führt zu allemwas groß ist"; aber die Kehrseite kommt gleich nach: „Die Weiber sind des TeufelsNetze!" Wenn man aber nach regelrechten pädagogischen Thcoriecn fragt, so können wirnichts anführen, als, übrigens unter allein Vorbehalt, den berühmten philosophischenRoman des Jbn Tofail von Wadi-Jnsch (Guadiz), mit dem Titel: 6üai ibn Mücklmn,d. h. der Lebendige, Sohn des Wachenden. Man hat ihn bald mit Rousseaus Emile,bald mit Robinson Crusoe verglichen. Das heißt allerdings das Suchen nach Parallelenetwas weit treiben. Mit besserem Grunde hat Fritz (a. a. O.) den Lssni nimlzckignssnr las kaenltss äa 1'Lms von Bonnct damit in Vergleichung gezogen. Der Verfasserverfolgt die Stufen der geistigen Entwicklung eines ganz isolirtcn Menschen, der nie unterdem Einfluß der Gesellschaft mit andern gestanden hat und doch durch seine eigene Geistes-arbeit und durch den Trieb der forschenden Vernunft (mtollgot notik) zum Verständnisder Naturgehcimnisse und der höchsten metaphysischen Speculationcn ***) gelangt. Es istwie eine Ahnung der psychologischen Methode, welche Neuere auf die Erziehung ange-wendet haben, aber keineswegs ein eigentliches System der Erziehung.
Die Elementarschulen waren mit den Moscheen verbunden, man lehrte in ihnen*) Jbn Sina.
**) Bonn 1839 n. f. 8. — Th. Fritz (Lsgnisse ck'nn s/stsms eomplst ck'instrnotion otv.Ktrasbonrx. 1843. 8. lomo III, p. 226 ot oniv.) hat ans dieser Sammlung die ans unfernGegenstand sich beziehenden Sprichwörter ausgezogcn.
*") Munk (in Francks Philosoph. Wörterbuch, Artikel Tofail) gicbt eine genaue Inhalts-angabe dieses merkwürdigen Werks, welches auch von Leibniz näherer Beachtung werthgchaltcnwurde. Die letzte deutsche Ucbcrsetzung ist von Eichhorn (Der Naturmensch, Berlin 1732. 8.).