Spanien.
schäften und ihrer Abhängigkeit von einander loö; einstweilen aber hatte die Herrschaftder Compendicn nur die Lähmung des geistigen Aufschwungs zur Folge, abgesehen davon,das; dadurch die großartigen Werke des Alterthums in Vergessenheit kamen. *)
ES ist nicht zu bestreiten, daß die Geistlichkeit darauf bedacht war, die bedrohteCivilisatiou zu retten. Aber ihr Ziel war ein ausschließlich religiöses, die profanenWissenschaften hatten in ihren Augen nur in so fern einen Werth, als sie den Studiender Pricsterschaft als Hilfsmittel dienen konnten. Es handelte sich darum, die Barbarendahin zu fuhren, daß sic die fruchtbringende Saat des Christcuthums in sich anfnehmcn.Dazu mußte ein geordneter Zustand der Gesellschaft gegründet werden, und die Kirche,die alleinige Bewahrerin der Leuchte der Wissenschaft, konnte nur einen solchen begreifen,in welchem sic selber allmächtig sein sollte. Ihr natürliches und berechtigtes Ziel wardie Sicherung des Siegs des Geistes über die Materie; nun war aber in der That sieallein im Stande diesen Sieg vorzubercitcn, und das wußte sic. Daher die Sorge fürdie Erziehung der geistlichen Miliz. Daher der Beschluß deS zweiten Concils vonToledo, nach welchem die von ihren Eltern zum geistlichen Stande bestimmten Söhnesolchen Priestern, welche an den Bischofssitzen Stellen bekleideten, zum Unterricht anver-traut werden sollten**). Allein die in dieser Weise von dem Concil getroffenen Ein-richtungen waren noch keine eigentlichen Schulen. Um Priester oder Bischof zu werden,war cs nicht nöthig, eine allgemeine Bildung zu besitzen: man mußte nur die heiligeSchrift, die Regeln der Disciplin und die Uebnng der gottesdienstlichen Cercmonicnkennen***). Wenn ein Schüler ausgezeichnete Anlagen zeigte, so wurde seiner Ausbil-dung eine besondere Fürsorge von Seiten des Bischofs gewidmet.
Von dem Unterricht, welchen zur Zeit der wcstgothischcn Herrschaft die jüngerenKinder überhaupt erhielten, sagt die Geschichte kein Wort: man kann nur vcrmuthen,daß es für dieses Alter bestimmte Katcchismuscnrse gab, weil das Concil von Toledoim Jahr 694 verordncte, daß man die siebenjährigen Kinder der Inden ihnen wcgnehmcnsolle, um sie in der christlichen Religion zu unterrichten.
Nach und nach hatten nun die gothischen Könige auch Gefallen an geistigen Be-schäftigungen gefunden. Sie begannen den Schriftstellern ihre Gunst zu schenken; sic ließenHandschriften abschreibcn, um die Bibliotheken zu bereichern ft), als das plötzliche Hcrcin-brechcn der Araber in Spanien allen ihren Planen mit einem Mal ein Ende machteund auf den Trümmern des deutschen Königthums eine Herrschaft gründete, welche, so-
*) Isidor von Sevilla verbot den Mönchen das Lesen der heidnischen Schriftsteller. Erselbst war mit der Literatur der Griechen und Römer wohl vertraut und fand an ihr großesGefallen, aber er glaubte ans Vorsicht so handeln zu müßen, wie er that.
**) Os üs guos voluntas parentum a primis inkantiao aimis olerioatns oküeio manoips-vit,statuimus obsorvamluin, nt inax ästorwi vsl ministorio Isotornm traüiti, in äonio eovlosias«ub spisoopali chrasssntia a prasposito sibi clebsant srnlliri oto. (s. l). Diese Bestimmungdürfen wir mit Recht als die erste Einrichtung von Seminaren ansehcn, ohne daß wir darumdie Achnlichkcit vergessen wollen, die man zwischen diesen Instituten und der von dem heiligenAugustin gegründeten Erziehungsanstalt für junge Kleriker finden kann. S. d. Art. Seminar.
***) „Die Unwissenheit der spanischen Geistlichen war im sechsten Jahrhundert so arg undso allgemein geworden, daß, als der Papst Gregor der Große dem Bischof Licinian von Ncu-karthago cingeschärft hatte, keinen ungelehrten Geistlichen zum Priester zu weihen, dieser ihmantworten mußte, daß, wenn cS nicht hinrcichc zu wissen, Christus sei am Kreuze für die Weltgestorben, niemand in seiner Provinz den Namen eines Gelehrten verdiene und die Kirche anPriestern verwaist würde. Später wurde verordnet, daß keiner einen Grad der Weihe erhaltensolle, der nicht wenigstens den Psalter und die gewöhnlichen Gesänge kenne." Lcmbkc Bd. I,S. 237.
ft) Die Bibliotheken Spaniens müßen sehr reich anSgcstattct gewesen sein, wenn manaus der Ungeheuern Belesenheit Isidors von Sevilla diesen Schluß ziehen darf. Vgl. LcmbkeVd. I, S. 244.