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9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
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Spanien.

Wie dem auch sein mag, die Verschmelzung erfolgte so vollständig, daß mau ohnellebcr-trcibuug behaupten darf, Spanien sei eine der am meisten römischen Provinzen des Reichesgeworden: nur muß man hievon etwa Galizien und Asturien auSnehmcn, welche nieganz gebändigt worden sind. Eine Anspielung ans diese cantabrischcn Kriege kann manin den Worten Jnvcnal's sehen: Ilorricln vitnncln sst llisxauin w. (snt. VIII). Wasaber die an das mittelländische Meer grenzenden Länder betrifft, Andalusien voran, soward hier der römische Einfluß ein alles überwältigender. Allein gerade dieser Einflußhatte zur Folge, daß eine Menge Spanier nach Rom kamen, die sich dann reichlich be-zahlt machten, wie vor ihnen die Griechen, indem sie ihre Unterjocher auf geistigem Ge-biete überwanden.

Die lateinische Beredsamkeit erlahmte in Italien von der Zeit an, wo der Staatnur noch einen einzigen Herrn hatte. Der lebendige naturkräftige Trieb, der den Rednermacht, ward ersetzt durch die Kunstmittel der Rhetorik. Die Dichtkunst strahlte im An-fang der Kaiserzcit im hellsten Lichte: cs war ein Abglanz des Schimmers, der vonGriechenland herüber leuchtete; nach der Negierung des Tibcrius verlor auch sie ihrenatürliche Schönheit und ihre heitere, ungetrübte Anmuth. In ihrem Innersten verletzteGemüthcr flüchteten sich in den StoicismuS; die Macht stützte sich auf die blinde Menge,schmeichelte ihrer Gier nach Sinncngenüssen und baute das Colosseum, den wahren Tempeldes CäsariSmus. Es ist eine bemerkcnswerthe Thatsache, daß in jenen Zeiten der Heim-suchungen, Zeiten des Schreckens und unsinniger Orgien, namentlich Spanier cs waren,welche in Rom den Geist des alten Roms vertraten, und daß die Thronbesteigung zweierspanischen Großen, des Trajan und des Hadrian, das Sinken des Reiches noch aufhieltund noch einmal eine rasch vorübergehende Blüte der Wissenschaften und Künste hcr-vortrieb *).

Die Schulen von Corduba scheinen im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnungganz besonders blühend gewesen zu sein. Ans ihnen kamen nach Rom der Rhetor M.Porcins Latro, der unter seinen Schülern den Augustus, Mäeenas, Agrippa undOvid zählte, ferner sein vertranter Freund M. Annäus Scneca, der Vater des Philo-sophen, und der Philosoph L. Annäus Scneca selbst, der unter anderen den Hygi-nus zum Lehrer hatte welchen mehrere für einen Cordubaner halten. Lucan, derNeffe des L. Annäus Scneca, ward zwar in Nom erzogen, aber mittelbar erhielt erdoch die Ileberlieferungcn der spanischen Heimat durch den Umgang mit seinem Oheim.Den Dichter Sextilius Henna, den Declamator Victorins Statorius, undandere minder bekannte könnten wir noch erwähnen, allein sie müßcn vor berühmterenNamen zurücktrcten, welche es bezeugen, wie weit Bildung und Wissenschaft über ganzSpanien sich verbreitet hatte. Qnintilian, der Verfasser des vollständigsten Werkesüber Rhetorik, welches das Alterthum uns hinterlassen hat, und vortrefflicher Vorschriftenfür die Erziehung, war aus Calagnrris (Calahorra). Es ist allbekannt, wie groß inSpanien selbst und später in Nom sein Erfolg als Lehrer war: er ist beiläufig auchder erste gewesen, welcher als öffentlicher Lehrer der Beredsamkeit vom Staat eine Be-soldung erhielt. Im Laufe der Zeiten treten ferner auf: der Epigrammatiker Martial,geboren in Bilbilis (Calatayud); der Agronom Columella aus Eadip; der GeographPomponiuS Mela aus der Gegend von Mellaria in Bätica; der DichterSilius Italiens; der Epitomator Florns; Antonius Jnlianus undHerennius Senecio, die Nachfolger Quintilians; endlich Voconius, der FreundPlinius des Jüngeren. Als Gelehrter und Freund der Wissenschaften macht der KaiserHadrian selbst Anspruch aus einen Platz in dieser Reihe berühmter Namen. Aller-dings waren die Sterne erster Größe sehr selten unter den Eonstellationcn der Kaiser-zcit; allein das goldene Zeitalter war eben unwiderruflich dahin für die lateinischeLiteratur. Cicero's Sprache hatte, wie sich leicht denken läßt, in Spanien mehr noch als

S. ?Iin. 8se. ?ano§)-!>. e. XI.VII.