Druckschrift 
3 (1862) Göthe - Kindsmädchen
Entstehung
Seite
918
Einzelbild herunterladen
 

918

ütitberglauSc.

S)er Äinbergtaube ift ein SRoment ber finbtidjen Unfdjulb, in fomeit biefe tro^ber Srbfnitbe (f. b. SIrt.) als eine retatibe ©rüge Veftanb Ijat unb mit ber im Sinbebortjautenen, an feine natürliche Sntmid'lung fidj anfdjtiefjenben SBirffamfeit beS heit,©eifted auf eine ununterfd;eibbare Sßeife berfdjmoljen ift. itnb jtoar jeigt fich bie Un=fdjulb nad; biefer ©eite barin, baff bad Äinb benen, bie ed liebt, bie ihut au ©ottedftatt 31t Gütern unb Pflegern gefegt finb, unbebingt a priori pertraut, fomoljt baff,mad fie tljun, red;t unb gut, atd baß, mad fie reben, fdjledjtfjin mal;r fei; Ja, biefedVertrauen geht mandjmal fo Weit, bajj ein Äiitb überzeugt ift, nicht nur atted, madVater ober SDtutter fagt, fei mat;r, fonbern aud; atted, road matjr fei, miffen biefelben,fönnen alfo auf jebe jfrage aud) Vefdjeib geben. Stuf metdjem innern ©runbe nun be=ruht biefed Vertrauen, biefe Voraudfetsung ber SBatjrtjaftigfeit anberer 2 )Jenfd;en? SDtaitift geneigt, biefen $ug au§ ber nod; tmrljanbenen eigenen Slufridjtigfeit unb SBaljr»haftigfeit ber Äinber abjuteitext, bie barum aud; auberen feine Saufdjung 3utrauen,toeil fie felbft nidjtd arged im tpersen tjaben. ©0 einteudjtenb biefe (Srftärung fdjeint,unb fo fcl;r fie aud; in öielen gälten jutreffert mag: genügenb ift biefetbe bennod) nicht.S)enit aud; badjenige Sfinb, beni bie S?üge bereitd nid;td frembed mel;r ift, fann gteidjmotjtgegen beftimmte ißerfoiten badfelbe Vertrauen nod; t;aben. Umgefet;rt fdjenft aud; baduod; unfd;utbigfte itinb biefed Vertrauen nid;t jebermann; fagt il;m irgeitb jemanb, bemed nod; fremb ift, etmad if;nt nod; uubefanuted, jumal ettoad feltfamed, fo tauft ed3U Vater unb SJfutter, unb erft menn biefe bie Studfage beftätigen, entfdjliefjt ed fid;,biefetbe 31t glauben. Sd ift alfo mefenttid; bie fd;on murgelfefte Siebe, bie fotdjed Ver=trauen t;egt; men bad Äinb liebt, bem glaubt ed unbebingt; fotd;en ©egenftaub oer=trauendboHer Siebe 31t tjaben, ift eined jener abfotutenVebürfniffe, bie bem. 9 Jtenfd;en=tjerjen auerfd;affen finb, unb ot;ne bie eine ed;t ntenfdjlidje Sebendentmidtung unb Se=bendgcftattung gar nicht moglid; ift. 2Bie aber immer bad mat;rt;aft fhtmane, menniljtn fKautn gemadjt unb ®et;br gegeben mirb, über fid; felbft IjinaudfiUjrt 3um Ueber=menfd;Iid;en, 3um ©öttticben, toeit ed fid; fetbft erft in biefem oollenbet: fo liegt injenem Vebürfniffe, einen ©egenftanb unbebingten Vertrauend 3U I;abeu, bad höhere©taubendbebürfnid, ber religiöfe Srieb bereitd eingemid'ett; befriebigt ed fid; im Äinbe3uerft au Vater unb SOtutter, fo finbet ed bei reiferer Sntmicftung feine bolle VefricbUgung erft in einem ©ott, ber fid; ald t)öd;fted ©ut jenem Triebe 3um gläubigen 6m=ffangcn unb ©euiefjen barbietet. @d ift bat;er bie fjäbagogifdje Stufgabe an biefembßxmct eine hoppelte; erftend fragt ed fid;, mie fid; bie (ärgieljung biefem Jfinberglaubengegenüber 3uuad;ft ald perfüntidjem gutrauen 3U 9 Jtenfd;en uerfiatten müße; unb bann,mie and biefem ber ©taube im höheren, religiofen ©inn 3U geminnen fei?

1) Stad Vertrauen irgenb eined SÖtenjdjeu, fo aud; eined Stinbed, tann id; mireingig baburd; ert;atten, baß id; ed niematd täufd;e. Stad ift in ber Gsqieljung in fomeituid;t fdjmer 3U meibeu, ald id; niematd bem Stinb etmad berfpredjen merbe, oi;ne ed31t halten unb ebenfomeuig it;m bor etmad bange mad;en merbe, bad nicht eyiftirt obernidjt fommen mirb; nur ber plumpfte Unberftaub fann, um ein Sfinb 3U befdjmidjtigeuober 3um©et;orfam 3U beloegeu, itjm etmad berfpredjen, bad er nidjt gu halten gebenft,ober mit Sßötfen unb Varen brotjen, um einen SBiberftanb 3U bredjen. ©d;mer aberift bie Srljattung jened Vertrauend für eitle biejenigen, bie nidjt fdjon 3Ubor, unb ab=gefeljen bon iljrer ©tettnng ald ©rgieher, burdjaud matjr finb. 3 n ihrer @ebanfen=tofigfeit merbeu fie oft bor ben Dh ren ber Sinber etmad reben, mobou biefe bereitdmiffen, baff cd unmaljr, baß ed 3. V. eine erl;eud;ette jpöflidjfeit ift, ober toad tjernad;gar nid;t atd binbenbed 2Bort betrachtet mirb. Stlfo aud; menn bad St'inb fetber nidjtgetäufdjt mirb, fonbent nur fietjt, mie bie ÜOienfdjen, and; bie, metdjeu ed traute, eiu=anber belügen, fo mirb fein Vertrauen berietst; ed madjt bie gans natürliche 2 lbftrac=tion, baff man it;m fetbft gegenüber berfetbcu Unreblidjfeit fähig fein merbe. 9 fun laßtfid; freilich nidjt jebe Verütjrung bed Sfinbed mit berSBett, bie ihm jene Säufdjung unb(Snttäufdjung bringt, oermeiben; ed ift fogar für bie 3 u ^ un ft nothmenbig, burd; fotdje