Wahrhaftigkeit.
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Alles, was der Wahrhafte sagt, ist wahr, der Aufrichtige sagt alles, was wahrist (natürlich soweit cs jedcSmal zur Sache gehört), und behält nichts zurück. Um dasletztere handelt cs sich allenthalben, wo wir von Aufrichtigkeit sprechen (aufrichtiges Ge-ständnis, Reue, Lob, Tadel). Wer eine Geschichte ir In Münchhausen erzählt, verstößtgegen die Wahrhaftigkeit, aber unaufrichtig werden wir ihn nicht neunen. Wie untrenn-bar jedoch beide Eigenschaften sind, erkennt man einerseits daran, daß jener Münchhausensofort unaufrichtig wird, sobald er, wenn gegen seine Erzählung Zweifel erhoben werden,die Wahrheit derselben bethcuert, andererseits, wenn man bedenkt, daß das Verschweigenoder Bemänteln der Wahrheit so gut wie die ausgesprochene Unwahrheit geeignet ist,falsche Vorstellungen zu erwecken (s. oben), daß also Aufrichtigkeit als ein Erfordernisder vollkommenen Wahrhaftigkeit zu betrachten ist.
Offenheit verhält sich zur Aufrichtigkeit, etwa wie Wahrheitsliebe zur Wahrhaf-tigkeit, sie ist Neigung und Liebe zur Aufrichtigkeit, überhaupt Neigung, jede BestimmungdeS Innern zu äußern, im Gegensatz zur Verschlossenheit.
Das bewußte Nbweichcn von der Wahrheit, also der directe Gegensatz der Wahr-haftigkeit ist die Lüge. Dieselbe wird zur Falschheit, wenn sie falsche Erwartungenzu erregen, zur Heuchelei, wenn sie eine bessere oder doch bei andern für besser gel-tende Gesinnung, als das Subject wirklich hegt, an den Tag zu legen bezweckt. Beide,Falschheit und Heuchelei, werden natürlich oft zusammenfallcn, beide sich oft in einerReihe von Lügen äußern, die ebensowohl in Handlungen als in Worten bestehen können.Falschheit findet im geselligen Verkehr, Heuchelei auch auf religiösem Gebiet weitenSpielraum.
Daß Wahrhaftigkeit Pflicht ist, bedarf keines Beweises. Wie alle Erkenntnis desMenschen sofort zusammenfällt, wenn das prinoixium iäsntltntis ot eontruetietionlsnicht mehr gilt, so ist keine Sittlichkeit möglich, wo Wahrhaftigkeit nicht als Pflicht an-gesehen wird. Wahrheit ist das Baud des geselligen Lebens, und der sittliche Verkehrder Menschen unter einander beruht auf ihr. Wer dem Nächsten die Wahrheit vorcnt-hält, verweigert ihm die Hülfe an dem gemeinsamen Werke und bietet ihm einen Steinstatt des Brotes. Darum schreibt Paulus (Eph. 4, 25): Leget die Lügen ab und redetdie Wahrheit, ein jeglicher mit seinem Nächsten, sintemal wir unter einanderGlieder sind. Diese hohe Bedeutung der Wahrhaftigkeit und die Verwerflichkeit derLüge ist denn auch zu allen Zeiten anerkannt und in unzähligen Aussprüchen der Vestenmedergelegt, sei es mit der naturwüchsigen Einfachheit des Achilles (Jl. 9, 312):
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K oder den verständigen Worten des Mcnandcr (bei Stob. XI. S. 136, Gcsncr):„«kl lk)-ktv kV -rwvrl oder mit dem heiligen Eifer des
Propheten (Jes. 5, 20): „Wehe denen, dw BöseS gut und Gutes böse heißen, die aus
Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen," oder endlich von Christus selbst (Ev.
Joh. 8, 44): „Er (der Teufel) ist ein Lügner und ein Vater derselben." — Göthe'sIphigenie ist nicht bloß reich an einzelnen hicher gehörigen Aussprüchen, *) sondern ihrerGrundidee nach eine Verherrlichung der Wahrhaftigkeit. — Daß auch bei Shakespearelcr Gedanke der Wahrheit ein Leitstern ist, auf welchen der Dichter immer wieder zu-stcncrt, hat Köstlin im Morgenblatt (Jahrg. 1864, S. 607 ss.) in einem lescnswerthcnAufsatz (betitelt Shakespeare und Hamlet) nachgewiesen.
Nach dem bisher Gesagten kann kein Zweifel sein, daß es von der höchsten Wichtig-
^>t ist, das Kind zur Wahrhaftigkeit zu erziehen. Dieselbe ist aber nicht bloß ein Haupt-
ziel der Erziehung, sondern zugleich auch eine der Grundbedingungen, unter denen
So besonders Aufz. 4, Auftr. 1.
Weh, o weh, der Lüge! Sie befreiet nichtWie jedes andre wahr gesprochne WortDie Brust; sic macht uns nicht getrost, sie ängstetDen, der sie heimlich schmiedet u. s. w.