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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
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Wahrhaftigkeit.

Wahrhaftigkeit, Lüge, Falschheit, Heuchelei. (Neuere Monographiecn: vr. JuliusRitter. Die Lüge nach ihrem Wesen nnd ihrer pädagogischen Behandlung (gekröntePrciSschriftst Leer 1863. H. Köhler, lieber die Wahrhaftigkeit. Brandenburg a/H. D1866. Weber. Die Lüge der Kinder und deren Behandlung in Schule und Haus. MBerlin 1869. Böhme. Des Sohnes Erziehung. Pädagogische Briefe an eine Mutter. UDresden 1869.) Wahrheit ist die Ilebcreinstimmnng des Denkens nnd des Seins, IJrrthum eine Abweichung des Denkens von dem Sein. Die absolute Wahrheit ist Mallein in Gott, jeder Mensch irrt mehr oder weniger, allein die Fähigkeit hat er doch Ivon Gott erhalten, nicht nur das einzelne Sein zum Object seines Denkens zu machen,d. h. das crstcre mittelst deS letzteren in sich anfznnehmen und zu einer Bestimmung seinesGeistes zu machen, sondern auch die realen Beziehungen und Verknüpfungen der einzelne»seienden Gegenstände zu und unter einander in seinem Denken zu rcprodncircn. So ge-winnt der Mensch als Werk seines Erkenntnisvermögens und Inhalt seiner ErkenntnisTheile der absoluten Wahrheit, oder einzelne Wahrheiten.

Diesen Inhalt seiner Erkenntnis vermag der Mensch wieder zum Object seinesWillens zu machen, d. h. er ist im Stande, die gewonnenen Bestimmungen seines Geisteswieder ans sich heransznsetzcn und zwar n) sie ausznsprcchen, 1>) nach ihnen zu handeln. De :aber der Geist keine Maschine ist, sondern die Fähigkeit hat, seinen Willen selbst zu bestimmen, iso hängt cs von ihm ab, ob er in Wort und Handlung das Erkannte, also das, was er für >Wahrheit hält (nnd man pflegt der Kürze halber auch dies die Wahrheit zu nennen), aus sichheraussetzcn, oder es abändern, ja das Gegcntheil an seine Stelle setzen will. Tic Eigenschaftdes Willens, also die sittliche Eigenschaft, vermöge deren der Mensch sich bestimmen läßt,seine Worte und Handlungen zum Ausdrucke der Wahrheit (in dem eben bezeichnetenSinne) zu machen, ist die Wahrhaftigkeit. *) Der Wahrhaftige bleibt der (subjectivm) iWahrheit treu; in Wort nnd Handlung spiegeln sich die Bestimmungen seines Inner»ab. Gewöhnlich bezieht man den AusdruckWahrhaftigkeit" freilich nur auf die Aeuste-rnng des Inneren durch Worte, was seinen Grund darin hat, weil 1) die Sprachedas nächste nnd häufigste Mittel zur Acußernng des Innern ist, 2) die Hand-lungen in der Regel von Worten begleitet oder durch sie vermittelt werden, ja oft wesent-lich in Worten bestehen, aber auszuschließen ist bei Festsetzung des Begriffs der Wahr- iHastigkeit auch die Acußernng deS Willens im Handeln nicht. Der Schüler, welcher ,ein fremdes Machwerk als seine eigene Arbeit abgiebt, der Kaufmann, welcher seine ^Waare verfälscht, der Staatsmann, welcher um den Preis der Fürsten- oder VolkSgunsiwider seine Ueberzeugnng handelt, sie alle verstoßen auch wider das Princip der iWahrhaftigkeit, wenn ihnen auch kein unwahres Wort nachgcwiesen werden kann. i

Am nächsten verwandt mit dem Begriffe der Wahrhaftigkeit ist der der Wahr-heitsliebe, ja beide Ausdrücke werden in den meisten Fällen verwechselt werden können.

Wahrheitsliebe ist Hinneigung des ganzen Gcmüths, des Willens mit allen seine»,auch den unbewußten, Bestimmungen zur Acußernng der Wahrheit, Wahrhaftigkeit Eigen-schaft des Charakters, bewußtes Festhalten an der Wahrheit. Wahrheitsliebend kamder Mensch auch in dem Augenblicke sein, da er sich mit schwerem Herzen zu einer so-genannten Nothlüge Hinreißen läßt, wahrhaftig ist er nicht mehr. Dagegen kann der-jenige, welcher beständig mit der inneren Versuchung zur Lüge zu kämpfen hat, sie aberüberwindet, wohl wahrhaftig, aber, streng genommen, nicht wahrheitsliebend genanntwerden.

*) ES kommt also hier nicht auf Uebcreinsiimmnng der Acußernng mit dem Sein, sonder»nur ans Ilebcreinstimmnng derselben mit dem Denken an.Bei der Wahrhaftigkeit unterscheideich in mir selbst ein Inneres und ein Aeußercö, und die Wahrhaftigkeit ist die Uebereinstimnmilgmeines Acnßercn nnd meines Inneren, bei dem Denken der Wahrheit wird aber die Uebercin-stimmnng meines Denkens mit dem Wesen eines von mir wesentlich unierschiedenen Seins gesuchtnnd gefunden" (Deinhardt: Die Entwicklung des Menschen zur Willensfreiheit. S. 25).