Wagner.
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Wenn aber seine Schüler in der Diaspora — eine eigentliche geschlossene Schulehat er allerdings nicht hinterlasscn — wenn sie ebenfalls klage», daß er vergessen scheine,so mögen sie sich trösten mit dem Geschick verwandter Geister, z. B. Hegels, der mitnicht geringeren Ansprüchen, und äußerlich mit unvergleichlich großem Erfolge eine Zeit-lang geherrscht hat und einen Einfluß errungen hatte, wie er so durchgreifend und all-seitig kaum je von einem Katheder ans geübt worden ist. DaS höchste Ziel im Denkenund Handeln schien erreicht, die Versöhnung des Idealen mit dem Realen, des Glaubensmit dem Wissen, der Freiheit mit dem Gesetz durchgeführt. Nicht lange, und der schöneStern war gefallen; wer sich als Student, als Beamter gewöhnt hatte, zu Zeiten inHegel'schcn Formeln zu reden, thut das heutzutage nicht mehr. Obgleich Hegel für soviele deutsche Geister ein Eckstein gewesen ist, an dem sie von seichtem Philosophircn wegund in tiefes objectives Denken geleitet wurden, ist er doch jetzt unleugbar bei Seitegesetzt. Der Gegenwart scheint zunächst überhaupt das Interesse für den absoluten Idealis-mus abhanden gekommen, und wer ein Bedürfnis des Philosophircns empfindet, wendetsich neuerdings mit Vorliebe zu der gesunden Kost Kants zurück; allerdings nicht zu derNaturphilosophie, welche iu der Thal insbesondere für die Naturwissenschaften im ganzendoch recht unfruchtbar gewesen ist. Gerade in der neuesten Zeit bricht sich auch mehrund mehr die Ueberzeugung Bahn, wie wichtig und nothwendig eine philosophische Grund-lage in der Naturforschung ist (vgl. darüber unter anderem die trefflichen Aufsätze desMathematikers Neuschle in der deutschen Vierteljahrsschrift und im Ausland). Er-baulich ist es allerdings andererseits nicht, daß unter der Jugend manche, denen Plato'sund Kants Gedanken zu schwer sind, bei Schopenhauer in die Schule gehen, um imFluge und ohne Mühe eine Weltanschauung zu erhaschen, die im Grunde nichts istals die Verzweiflung am Denken.
WagnerS kühner Naturalismus, dem die begrenzte Sphäre Kants zu eng war, undder ans dem Sturm Fichte's und dem dunkeln Drang Schöllings auf den Gipfel desLichts hatte führen wollen, hat sich allerdings bis jetzt nur als ein vorüberziehcnderGlanz erwiesen. Oder sollte seine hochfliegende Tetradc:
Kant
Fichte Schilling
Wagner
noch eine Wahrheit werden? — Wenn wir auch solche Hoffnungen nicht zu thcilen ver-mögen, haben wir doch versuchen wollen, in möglichst treuer und unparteiischer Weise dieBedeutung des Landmannes ins Licht zu setzen, wie es ihm gebührt.
Quellen, außer den im Obigen schon genannten: Johann Jakob Wagner. Lebens-nachrichten und Briefe. Von I)r. Phil. Ludw. Adam und vr. Aug. Kölle.Ulm 1849. — Johann Jakob Wagners Leben, Lehre und Bedeutung. Ein Beitrag zurGeschichte des deutschen Geistes von I)r. Leonh. Rabus. Nürnb. 1862. — Grundrißder philosophischen Lehre I. I. Wagners in ihrer Vollendung. Inauguraldissertationvon Ur. Leonh. Rabus. Heidelb. 1861. — Erläuterungen zum Organon der mcnschl.Erkennt». Joh. Jak. Wagners, nach dessen Vorträgen und handschriftl. Nachlaß heraus-gegeben von Or. Phil. Ludw. Adam. Ulm 1851. — In P. L. Adams Verlagsbuch-handlung sind erschienen I. I, Wagners sämmtliche neuere Werke nebst den obengenannten Lebensnachrichten und Briefen, 12 Bände. Ulm 1848 ff. — Desselben kleineSchriften herausgcg. von vr. P. L. Adam. Ulm 1839—1847. — Desselben nachge-lassene Schriften über Philosophie, 7 Theile. Ulm 1852—1857.
Vgl. über ihn noch I. H. Fichte, über Gegensatz, Wendepunct und Ziel heutigerPhilosophie. Heidelberg 1832. — C. Fortlage, Genetische Geschichte der Philosophieseit Kant, S. 218 ff. — Franz Hoffmann, philos. Schriften, 2. Band. Erlangen 1869.S. 226 ff. — Mehr oder weniger ausführlich handeln von ihm auch die Geschichtender Philosophie von Sigwart (S. 296 ff.), Tennemann, Nixner, Biedermann, Erdmann.
vr. G. Vcescnmeyer.