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Gedächtnis.
Schatten an einer beleuchteten Wand und läßt entweder gar keine bleibende Spur inuns zurück oder doch eine solche, die in kurzer Zeit wieder verschwindet und keine klarenund deutlichen Umrisse hat. Solche Dinge werden nicht behalten und gehören überhauptdem Gedächtnis nicht wahrhaft an. Wahrhaft behalten wird eine geistige Substanz,wenn sie mir nicht etwa bloß zeitweilig angehört, sondern ein lebendiger Bestandtheil
meines Selbst ist und so gewiß für alle Zeiten fortexistirt, als ich selbst fortexistirc. In
diesem Sinne behalte ich z. B. die Muttersprache, denn sie ist so lebendig mit meinem
Inneren verwachsen, daß sie so gewiß in mir bleibt, als ich selbst bleibe.*) Aber auch
vieles andere behalte ich in der Weise in mir, daß ich es nicht wieder verliere, sondernbehalte. Die Art und Weise aber, wie die geistige Substanz in der Regel behaltenwird, ist eine bewußtlose. Von den unendlich vielen Dingen und Gedanken, die ich imGedächtnis trage, habe ich immer nur eins im Selbstbewußtsein, was ich gerade zumeinen weiteren geistigen Operationen gebrauche; alles übrige existirt wohl in dem un-ergründlichen Schachte meiner Innerlichkeit, aber zunächst bewußtlos. Es gehört mitzu einer gesunden Verfassung des Geistes, daß immer nur dasjenige im Selbstbewußt-sein gegenwärtig ist, was ich eben will und gebrauche und daß alles, was sich etwasonst noch von der Fülle der in mir vorhandenen Substanz in das Bewußtsein herein-drängen will, in das Reich der Bewußtlosigkeit zurückscheuche. Wie ein Instrument erstdann tönt, wenn es mit den Fingern berührt wird, sonst aber tonlos verharrt, so gicbtsich auch die geistige Substanz, die von dem Gedächtnis behalten wird, nicht zu erkennen,außer wenn sie gleichsam von dem Finger des Geistes berührt wird. Und diese Fähigkeit,dasjenige, was ich behalten habe, in jedem Augenblick gleichsam aufzuwecken und insLicht des Bewußtseins hereinzurufen, ist das zweite Moment des Gedächtnisses — näm-lich die Kraft sich seiner geistigen Substanz zu erinnern. Diese Fähigkeit ist erstdann so, wie sie sein soll, wenn die Vorstellungen mit unmeßbarer Schnelligkeit ausdem Schachte der Innerlichkeit ins Bewußtsein gerufen werden. Man bewundert wohldie reißende Geschwindigkeit, mit der ein geschickter Klavierspieler die Töne anschlägt; aberdiese Geschwindigkeit ist nichts im Vergleich mit der Schnelligkeit, womit die Seele ihresInhalts sich bemächtigt und ihn, je nachdem sie ihn gebraucht, in das Bewußtsein ruftund wiederum, wenn er seine Dienste gethan hat, daraus verabschiedet.
Das sind also die beiden Momente eines guten Gedächtnisses: die Kraft, etwas zubehalten und die Kraft, es sich in jedem Moment zum Bewußtsein zu bringen oder sichdessen zu erinnern.
Wenn nun aber auch der Werth eines guten Gedächtnisses wesentlich in der Festigkeitund Treue des Behaltens und in der Sicherheit und Schnelligkeit des sich Erinnernsliegt, so hängen doch beide Eigenschaften von der Art und Weise ab, wie der geistigeInhalt, der dem Gedächtnis anvertraut werden soll, zuerst ausgefaßt und ausge-nommen wird. Daß so vieles und so rasch dem Bewußtsein wieder verloren geht,daß so vieles bald wieder.gleichsam durch den Boden des Bewußtseins hindurchfällt,wie die Spreu durch ein Sieb, dieses ist allein dem Umstande zuzuschreiben, daß manes sich nicht gründlich assimilirt hat. Was man zu einem wirklichen Eigenthume seinesGeistes gemacht hat, das geht nicht wieder verloren. Man versenke nur die Seele mitaller ihrer Kraft in einen Gegenstand, man durchdringe ihn nach seiner ganzen Breiteund Tiefe, man erforsche alle seine einzelnen Seiten und ihre Verbindung zu einemlebendigen Ganzen, und bringe es so weit, daß die Seele in dem Gegenstände wie zuHause ist und ein klares Verständnis desselben erlangt hat;**) und man wird finden,
*) Abgesehen von Fällen, in denen die Continuität der Entwicklung unterbrochen wird, wiebei gewissen Krankheiten, langjährigem Aufenthalt im Auslande re. D. Red.
**) Es liegt in dem Obigen und wir machen ausdrücklich darauf aufmerksam, wie wichtig esfür das Behalten ist, daß der Gegenstand desselben eine gewisse (innere oder äußere) Wichtigkeitfür uns habe und daß wir uns auch wirklich dafür interessiren, da sich die Seele ohne einsolches Interesse niemals in denselben versenken würde. Der Grad unserer Theilnahme bildet