Gebrechliche.
Gedächtnis.
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Stammes, unter welchem der berühmte Missionar Krapff eine Niederlassung gründete,eben ein Krüppel war: dieser schloß sich vertrauend und forschend mit origineller, scharf-sinniger Auffassungsgabe an den freundlichen Boten an, und ist auf lange der einzigeBekehrte geblieben. Ein solches vielgedrücktes, geschmähtes Herz öffnet sich frendig,wenn es mit sorgsamer Feinheit behandelt wird und empfinden darf, daß man ihmvon Herzen wohl will. Es läßt sich gerne führen. Den Sieg des erlösenden Geistesaber sehen wir gewiß am schönsten vollbracht, wenn wie in Haunall Lonnsä/s llsssx^Ilau schon das Kind zum Herrn geführt wird. Denn daß in unserem Falle diegründlichste Hülfe und der beste Trost für das in der sinnlichen Welt nun einmal Ver-sagte eben aus der frommen Hingebung an den Willen und an die Führung Gottesquillt, das fällt jedem in die Augen, der sich nun einmal nicht davon abwenden will.
vr. G. Veesenmeycr.
Gedächtnis. Wenn man in der Pädagogik eine Zeit lang die hohe Bedeutungdes Gedächtnisses für die Bildung des Menschen verkennen und von demselben gering-schätzig sprechen konnte, so darf man das^wohl als eines der größten Misverständnissebezeichnen.*) Wäre freilich das Gedächtnis nichts weiter, als die Kraft, vereinzelteStoffe und Notizen im Geiste festzuhalten, so möchte man berechtigt sein, ihm eineziemlich niedrige Stellung im System der Geistesthätigkeiten anzuweisen; aber das Ge-dächtnis umfaßt ohne Unterschied alles, was dem Geiste Inhalt, Kraft und Werth giebt,also nicht bloß einzelne Bilder, Wörter und Thatsachen, sondern besonders auch Ge-danken, Urtheile, Grundsätze, Ideen und Ideale. Das Gedächtnis hat überhaupt dieBestimmung, die gesammte geistige Substanz, die der Mensch im Verlauf der Zeit durchsein Erkennen und Handeln zu seinem geistigen Eigenthum gemacht hat, aufzubewahrenund dadurch der Vergänglichkeit zu entreißen. Alles Denken und Handeln ist zunächstetwas momentanes, ein Act, der in der Zeit entsteht und vergeht; durch das Ge-dächtnis wird aber der Inhalt des Denkens und Handelns dem Zeitprozeß entnommenund zu einem die Seele umkleidenden geistigen Leibe gemacht, der so gewiß unsterblichund ewig ist, als es die Seele selbst ist. Durch das Gedächtnis ist daher auch erst eineEntwicklung der menschlichen Seele von Stufe zu Stufe bis in alle Ewigkeit möglichgemacht. Gestützt auf die in unserem Gedächtnis gegenwärtige geistige Substanz könnenwir allein urtheilen und schließen, denken und handeln, dichten und trachten. Was ver-möchte ein Mensch im Denken und im Handeln, wenn er nicht mindestens den großenOrganismus seiner Muttersprache als absolut sicheres Eigenthum in seinem Gedächtnistrüge und jeden Augenblick seines Lebens verwerthen könnte? Das Gedächtnis alleinbewirkt es, daß ein Mensch nicht immer wieder von vorn anzufangen hat, sondern diebereits erarbeiteten Resultate als lebenskräftiges Material zu immer neuen Bildungenverwenden und so sein geistiges Selbst bis ins Unendliche erweitern und vertiefen kann.Und je umfassender und werthvoller die geistige Substanz ist, die ein Mensch in seinemGedächtnis vorräthig hat, desto freier und kraftvoller sind auch seine Gedanken undHandlungen, die die Fortentwicklung seines Geistes ausmachen. Ja noch mehr! Es er-scheint schon als eine schiefe Auffassung der Sache, wenn man das Gedächtnis überhauptnur von dem Geiste scheidet und zu einem bloßen Mittel des geistigen Lebens herab-setzt. Das Gedächtnis ist keine neben und außer dem Geiste seiende Kraft, sondernder seines Inhalts gewisse und ihn bewahrende Geist selbst. 'Uantninsoiinns, qnantum momoria tonoinus. Unser Wissen und geistiges Sein überhaupt istnur in so fern etwas, als es auch Gedächtnissache ist. Betrachtet man nun aber dasGedächtnis als psychologische Thätigkeit näher, so wird man finden, daß man darinzwei wesentliche Momente unterscheiden kann. Zu einem guten Gedächtnis gehört, daßman 1) etwas behält und 2) sich dessen wieder erinnert. Was zuerst dasBehalten betrifft, so geht leider! sehr vieles an unserem Bewußtsein vorüber, wie ein
*) Vgl. die Darstellung der Grundsätze der Neuerer bei Raumer, Gesch. d. Pad. II, S. 11.