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Gebrechliche.
abzuringen, was sie nicht gewähren konnte, selbst wenn sie nicht gebrechlich war. —Dagegen macht die verwachsene Gestalt eines Schleiermacher, eines Tieck nicht im ge-ringsten jenes oben besprochene Gefühl der Abneigung des natürlichen Menschen rege.Hier sieht man in den edeln, ruhigen Zügen, im geistreichen, seelenvollen Auge einen Siegüber die Natur, der nicht durch Trotz und Eitelkeit erzwungen ist. Lichtenberg hat essehr vermieden, über sein Gebrechen irgend Anspielungen zu machen. In seinen klugen,traurigen Zügen erkennen wir deutlich das bezaubernde Gemisch von unerschöpflichemWitz, treffender Satire und tiefem Gefühl wieder, welches wir Humor nennen, undzugleich die Melancholie, die ihn zuletzt so menschenscheu machte. Sein scharfer Ver-stand hatte ihn zu einem Determinismus geführt, welcher ihm allen Glauben nahm,und ihn so unfrei machte, daß er auf Vorbedeutungen, Ahnungen und Träume achtete.Er starb müde und lebenssatt im siebenundfünfzigsten Jahre. Seine innere Lebensschulescheint eine sehr harte gewesen zu sein, trotz mancher äußerer Ehren.
Doch bleiben wir vorerst bei der Schule im allgemeinen. Obgleich gute Kindersich eines Hülflosen, Gebrechlichen liebreich annehmen, so hat derselbe, namentlich wenn erprovocircnd auftritt, doch auch herbe Reden, Hohn und noch derbere Beweise von Ab-neigung zu erwarten. Das wird um so weniger ausbleiben, wenn der Lehrer in auf-fallender Weise um seines Gebrechens willen sich seiner annimmt. Ohnehin giebt es fürden Gebrechlichen nicht leicht etwas fataleres, als wenn seines Schadens mit Osten-tation vor vielen gedacht wird. Die Protcctionsmiene verbittert auch süße Gaben underregt in den Mitschülern nicht eben holde Empfindungen. Am besten wird auch derLehrer, aus dem gleichen Grunde wie die Eltern, den Gebrechlichen gerade wie die andernbehandeln; der reckte Lehrer wird dabei alles was er thut, — und er hat Wohl mancheszu thun mit besonderer Rücksicht — im Geiste herzlichen Wohlwollens thun. DerSchüler wird sich dann mit den Mitschülern schon zurechtfinden, wenn er auch hinkt.Es giebt nun wohl auch in der Schule eine ganze Anzahl solcher kleiner Aufmerksam-keiten, welche durch das einzelne Gebrechen motivirt sind. Ein vernünftiger Lehrer wirddem, welcher nicht wohl stehen kann, gerne das Sitzenbleiben erlauben; er wird dem, deran der Ecke der Bank leichter sitzen kann, eine solche anweisen, er wird auf die Hal-tung achten und mit Rücksicht auf den mit einer Rückgratsverkrümmung Behaftetenvorsichtige Schonung im Schreiben n. s. f. gestatten: — doch das alles versteht sich so sehrvon selbst, daß es nicht nöthig ist, mehr darüber zu sagen.
Geradezu empörend auch für das Gefühl tüchtiger Mitschüler ist es, wenn einLehrer directe Anspielungen auf ein bestimmtes Gebrechen macht und selbst neckt: wenner z. B. bei der Lecture eines Schriftstellers eine Stelle, in welcher von solchen Dingendie Rede ist, mit gemeinem Behagen gerade einem gebrechlichen Schüler zu lesen giebt.Es mag das immerhin eine tüchtige Abhärtung für den letzteren abgeben, damit seineEmpfindlichkeit etwas ertragen lerne: allein vom Lehrer sollte doch dergleichen nichtausgehen. Freilich giebt es wohl Naturen, denen solche Rücksicht nur eine übertriebeneEmpfindelei erscheint, und von denen denn auch, weil es nicht böse gemeint ist, selbsteine plumpe Verletzung nicht so sehr schmerzt. Es ist aber zum wenigsten ein Beispielvon Mangel an echter Bildung, wenn man einen Schwächeren verletzt, indem man ihnan einen wirklichen oder scheinbaren Makel erinnert, der ihm ohne sein Verschulden an-haftet. Die schlechtesten Späße, welche nur niedrigen und höhergestellten Pöbel amü-siren, sind unter anderen die, welche sich über den Stand, die Heimat, die Aeußerlichkciteines Anwesenden lustig machen, und wobei dieser nicht fröhlich mitlachen kann, sondernals Zielscheibe dienen muß.
Mit einem Worte, es gilt denn auch hier, daß die Liebe das Element sein muß,in welchem die Behandlung der Gebrechlichen besteht; die Liebe, welche langmüthig undfreundlich ist und nicht Muthwillen treibt. Gegen solche Liebe sind auch gebrechlicheKinder in den weitaus meisten Fällen gar sehr empfänglich. Das ist eine allgemeineund sehr Wohl erklärliche Erfahrung. Es ist wahrhaft rührend, daß der Erstling des