584
Gebet.
Gebrechliche.
Antrieb vorhanden ist, frei aus dem Herzen beten; daran zu allermeist erkennen dieSchüler, daß er beten kann und was Beten ist. Wenn neuerlich, im Zusammenhängemit den liturgischen Bestrebungen für die Kirche, auch dem Schulgebet eine mehr litur-gische Form gegeben werden will, so ist dies, wenn es mit ebenso viel pädagogischem alskirchlich-liturgischem Geschmacke geschieht, in allweg schön und löblich; nur darf dadurchdas freie Gebet des Lehrers nicht beseitigt werden.
Vereinzelt soll freilich die Gebetszucht in Haus und Schule nicht sein, so daßzwar regelmäßig gebetet, damit aber alles Religiöse abgemacht, der liebe Gott abgefer-tigt wäre. Das Gebet muß der Ausdruck dessen sein, was das ganze Leben in Hausund Schule durchdringt; der ganze übrige Ton, die Atmosphäre, in der man lebt, mußdamit im Einklang stehen. Und doch muß gesagt werden, daß, selbst wo die Gebets-übung so isolirt wie eine Ruine auf ödem Felsen dasteht, sie noch ihren Segen hat;der Sohn, der unter solchem Hausbrauch ausgewachsen ist, wird doch eher, auch wenner draußen und sich selbst überlassen ist, sich besten erinnern; die Sitte kann nachwirkenund für ihn der Weg werden, auf dem unter Gottes anderweitiger Zucht und Führunges auch zum rechten Gebet aus einem in Gott ruhenden Herzen kommt. Denn wie dasGebet aus einer christlich erneuerten Seele entspringt, so wirkt es auch, von außen ein-gepflanzt, auf solche christliche Erneuerung der Seele zurück.
Vgl. noch, außer den angeführten Schriften, Rothe, theol. Ethik III. S. 689 f.Tauberth, die christliche Lehre vom Gebet (Wurzen 1855', bes. S. 128 f. Joh. Ehr.Storr, Anleitung zum Gebet des Herzens, in Frage und Antwort, neu aufgelegt,Ludwigsb. 1860. Die Abh. über das Gebet als Erziehungsmittel, in Böllers süd-deutschem Schulboten, 1851, Nro. 24. S. auch den Art. Erziehung (ferner: AndachtS. 140 f. Bengel S. 557.) Palmer.
Gebrechliche. Behandlung gebrechlicher Kinder. Unser Sprachgebrauchnennt Gebrechliche überhaupt solche, welche durch irgend eine angeborene oder später ent-standene Misbildung im Gebrauch ihres Körpers oder eines Gliedes gehindert, namentlichauch insofern sie dadurch mehr oder weniger verunstaltet sind. Im weitern Sinne ge-hören zu ihnen also auch solche, denen es an einem der Sinnorgane oder gar an Hirngebricht: diese, die Blinden, Taubstummen, die Cretinen finden, soweit sie die Pädagogikangehen, in besondern Artikeln der Enchklopädie ihre Berücksichtigung. Dagegen sindGegenstand unserer gegenwärtigen Betrachtung die mannigfachen und verschiedenartigenGebrechen, welche durch Verkrümmungen und Gelenksleiden, durch ursprüngliche Mis-bildung, durch Verstümmelung u. s. f. bedingt sind: kurz, die gewöhnlich sogenanntenkörperlich verkrüppelten Kinder. Obwohl somit von Gebrechen der Seele, von sittlichen Ge-brechen schon dem Sprachgebrauch gemäß hier nicht die Rede ist, vielmehr alles was inunser Gebiet gehört ursprünglich auf rein somatischem Boden besteht und darin seine Wurzelnhat, so ist es doch wieder nicht eine ärztliche Cur jener Gebrechen, wie sie in Kinder-heilanstalten (s. d. Art.) und orthopädischen Instituten vorkommt, sondern die pädagogischeBehandlung, welche wir hier zu betrachten haben.
Das Alterthum hat im allgemeinen gegen gebrechliche Kinder, soweit es überhaupt sichmit denselben befaßte, gar wenig Erbarmen gezeigt. Von den Spartanern ist es bekannt,daß bei ihnen gebrechliche Neugeborene ohne weiteres beseitigt wurden, wie es heißt um desStaates willen. Es mag dabei wohl noch ein anderes Moment gewaltet haben. Der griechischeGeist, überall von der individuellen Natur als dem Gegebenen ausgehend und sie zur Schön-heit zu entfalten strebend, will in mannigfachen Uebungen Körper und Geist zu einem Kunst-werk der Erziehung gestalten und hat eine natürliche Abneigung gegen unheilbare Ent-stellung. Sein ästhetisches Gefühl wendet sich ab von allem Verkrüppelten. Ja dieseStimmung ist überhaupt eine so natürliche, daß auch wir in der Regel gegenüber solchenUnglücklichen ein Gefühl der lieblosen Abwendung zu überwinden haben. Es hat sich inSprichwörtern ausgeprägt, und der „von Gott Gezeichnete" galt und gilt für einenzu Meidenden und Auszustoßenden. So fühlt der natürliche Mensch; gerade wie wir