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Gebet.
ein Plappern nannte. *) Sondern eine Kunst nennen wir es bloß deshalb, weil nichtjeder das ohne weiteres kann. Der eine hätte vielleicht die Gedanken, er wüßte unge-fähr, um was zu bitten ist, aber es kommt bei ihm nicht zum Wort, er findet dieForm nicht, um sich mit ausgesprochener Bitte an Gott zu wenden. Ein anderer aber hatweder Worte noch Gedanken; wenn man ihm zumuthete, jetzt auf der Stelle ein Gebetzu sprechen, er wüßte weder um was noch wie er beten soll. Das muß gelernt sein,wie das Sprechen selber gelernt werden muß. Dem Kinde wird vorgebetet, es sprichtnach, man lehrt es (nach abendländisch-germanischer Sitte, worin aber der katholischeund der evangelische nsrm sich wieder unterscheidet) die Hände falten, als Symbol derAbgeschiedenheit von allem andern (denn gefaltete Hände sind zu nichts anderem zubrauchen), und als Symbol der innern Geschlossenheit, Gefaßtheit, Gebundenheit. Diesist möglich und muß beginnen, sobald das Kind reden lernt; es wird zuvörderst beimAufstehen und zu Bette gehen so wie bei Tische geschehen, als den drei Momentendes Tageslebens, die nicht nur Momente der Sammlung im Gegensätze der Zerstreuungin Arbeit und Spiel sind, sondern in welchen sich auch der Stoff des Gebets, der Ge-genstand von Dank und Bitte von selber darbietet. Weil aber gerade in diesen Mo-menten das kleinere Kind von der Mutter besorgt werden muß, so ist cs auch dasnatürlichste, daß sie mit ihm betet; und ist sie eine rechte, christliche Mutter,so wird sie auch dieses Recht an gar niemand abtreten; sie, die das Kindunter ihrem Herzen getragen und geboren hat, sie, die es noch ungeboren der GnadeGottes befohlen und von ihr seine glückliche Geburt sich erbeten hat, will nun auchdas Kind dem Gnadenthrone Gottes selber zuführen. Später, wenn das Kind zumNiedergehen und Aufstehen der mütterlichen Hülfe nicht mehr bedarf, wird auch derVater sich mit der Mutter in jenes Geschäft theilen; es müßte dem Kinde selber son-derbar oder verdächtig Vorkommen, wenn der Vater nie mit ihm betete. Was nun zusolchem Beten verwendet werden soll, dessen bietet theils die Tradition in christlichenFamilien, theils die katechetische und ascetische Literatur vieles dar. Es sind einfacheBerschen, Bibelsprüche, Gebetsformeln, die sich dazu eignen, die sich mit der Zeit er-weitern und vermehren, da namentlich der Liedervorrath, den das Kind in der Schulelernt, auch hiezu seine Dienste leistet. Es giebt Kinder, die gar nicht mehr aufhörenwollen, sondern alles der Reihe nach beten möchten, was sie auswendig wissen. Dies deutetfreilich darauf, daß solches Beten von den Kindern leicht unter dem Gesichtspunkt einer Reci-tation des Memorirten betrachtet wird. Das ist alsdann kein Fehler, wenn der Lehrerauch das Recitiren des Memorirten in der Schule zu einem wahrhaften Beten zumachen weiß. Dem Fehlerhaften daran wirkt man am besten entgegen, wenn wenigstensvon Zeit zu Zeit (je öfter desto besser) ein freies Herzensgebet dem Kinde vorgesprochenwird, in das auch ganz specielle Züge, z. B. Bitte um Vergebung für eine den Tagüber begangene Unart, Danksagung für irgend eine besondere Freude, die dem Kindewiderfahren, Fürbitte für ein krankes Geschwister u. s. w. ausgenommen werden. Hieranlernt das Kind, wie man betet; wär' es auch bei den meisten nicht ein solch tief inne-res Erkennen des Weges, der zu Gott führt, wie dies z. B. Oetinger aus seiner Kind-heit erzählt **), so ist doch schon viel gewonnen, wenn das Kind durch einen Borrath
U Selbst Spener sieht in diesem Puncte nicht ganz klar, wenn er z. B. <s. b. KliefothLiturg. Abh. III. 1. S. 118) den Prediger Schade als trefflichen Katecheten deshalb lobt, weil„die Mädchen aus seiner Zucht, die nicht über 1t, 12, IS Jahre alt sind, aüs ihrem Herzendie beweglichsten Gebete auf >/s Stund thun können."
**) S. seine Selbstbiographie von Hamberger, S. 4. S. „ . . - Ich mußte einen ganzenRosenkranz von Liedern vor dem Einschlafen beten. Endlich wurde ich etwas ungeduldig unddachte, wenn ich doch auch wüßte, was ich betete. Ich kam an das Lied, „schwing' dich auf zudeinem Gott, du betrübte Seele rc." Nichts von Betrübnis wissend, wurde ich heftig angctrieben,zu verstehen, was es sei, sich zu Gott aufschwingen. Ich bemühte mich inwendig darum vorGott, und stehe, da empfand ich mich aufgeschwungen in Gott. Ich betete mein Lied ganz aus,