Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
581
Einzelbild herunterladen
 

Gebet.

581

ohne alle Bürgschaft der Erfüllung; hat ein solcher wahre, volle, reine Liebe, so mußer entweder, in solchen Momenten wenigstens, sich unglücklich fühlen im Bewußtseinder jämmerlichen Machtlosigkeit seiner Liebe, die das geliebte Kind, selbst wenn sie esunter Augen hat, nicht behüten kann,; geschweige wenn es fern ist; oder wird ihn dieLiebe, auch wenn er sonst nicht betete, vielleicht das Gebet als eine Schwäche ver-lachte, selber zum Gebet treiben und ihren Trost darin finden. Wer sich aber dessenbeharrlich entschlägt, der verräth damit entweder, daß er es mit seiner Erzieheraufgabeüberhaupt leichtsinnig nimmt, daß er vielleicht zwar das Nöthige seinerseits thut, abernur, um sich keinem Vorwurf auszusetzen, während ihm am endlichen Erfolg, am Heiledes Zöglings nicht so sehr gelegen ist; oder hat er jene hohe Meinung von der All-macht seiner Erziehungsweisheit und etwa auch von der Vortrefflichkeit des Zöglingsselber, daß er, geblendet von diesem Aberglauben, weiter keine Garantie für seine glück-liche Entwicklung zu bedürfen glaubt. Wer aber von diesem Wahne frei, wer dieserSuperstition der Pädagogen gegenüber wahrhaft aufgeklärt ist, der kann als Erzieherdas Gebet gar nicht entbehren; er weiß, daß auch ein Paulus nur pflanzen, ein Apollonur begießen kann, das Gedeihen aber allein von Gott kommt und daß auch dieseGabe, dieser Ertrag der Erzieh erarbeit von Gott erbeten werden muß. Wie oft,wenn z. B. der Eigensinn, wenn die Verstocktheit eines Kindes allem Zuspruch, selbstaller Strafe Widerstand leistet, wenn wir mit allen Mitteln der Zucht einem Kindedie Lügenhaftigkeit nicht abthun können, oder wenn vielleicht ohne eigne Schuld desselbenes gar nicht gelingen will, eine Berufswahl für den Sohn zu treffen, weil er sich fürkein Fach recht eignet wie oft ist es in solchen und ähnlichen Fällen noch das ein-zige, daß der Erzieher des Kindes Herz und Leben in Gottes Hand befiehlt, ihn bittet,demselben einen andern Sinn zu geben oder seine Lebensbahn zu ebnen, ihm eine Thüraufzuthun! Aber auch wer eines Kindes sich in allen Stücken nur freuen kann, wiewenig kann er sich doch verhehlen, daß dies ein sehr unsicheres Glück ist, daß auf dieschönste Blüte so oft eine taube bittere Frucht folgt; wie sollte er nicht in des Her-zens Freude sich gedrungen fühlen, um Gottes gnädigen Schutz für die edle Pflanzezu bitten, die er Pflegen darf! - Die Frage, ob es Gebetserhörung gebe, ist hiernickt zu erörtern; wir bemerken bloß, daß gerade die christlichen Erzieher, die auch imKleinen auf Gottes Finger achten, mehr davon zu erzählen wissen, als viele andere,wie sie mehr als andere das Vergebliche aller menschlichen Anstrengungen ohne GottesSegen zu erfahren bekommen. (Vgl. z. B. die Erzählungen von Flattich in dessenLeben von Ledderhose S. 57. 63.) llebrigens wird ein Beten für den Zögling noth-wendig auch ein Beten des Erziehers für sich selbst; daß ihm selber Geduld undLiebe nicht ausgehe, daß er alle Tage wieder mit frischem Muthe und neuer KraftHand ans Werk lege, das muß Gott ihm geben, aus sich selbst nimmt er es nicht.Zeller (Lehren der Erfahrung I, S. 240 f.) macht insbesondere darauf aufmerksam,wie nur durch solches Gebet der Lehrer unter den Sorgen, die ihn außer dem Amts-leben noch persönlich drücken mögen, sich den Frieden Gottes im Herzen bewahren könne,die Ruhe und Fassung, ohne die er gar nicht im Stande ist auf die Kinder zu wirken.

Dem Gebete für die Kinder, von dem sie nichts hören, das, wie Hiobs Opfer(Hiob 1, 5) für sie vielleicht dargebracht wird in einem Moment, wo sie entfernt nichtdaran denken, geht das Gebet mit den Kindern zur Seite, und zwar zunächst in derAbsicht, daß sie beten lernen. Das Beten ist ja in der That eine Kunst; die JüngerJesu bitten darum auch ihren Meister:Herr, lehre uns beten, wie auch Johannesseine Jünger lehrete." (Luc. 11, 1.) Eine Kunst ist es nicht in dem Sinne, in welcherallerdings manche es damit bis zur Virtuosität bringen, indem sie Stunden lang insalbungsvollen Worten fortbeten können. Daran kann die Redefertigkeit, vielleicht auchdas Zuströmen schöner Gedanken bewundernswertst sein, aber als Gebet hat solche Kunst-Production keinen weitern Werth, als jene langen Gebete der Pharisäer, die der Herr