Fußreisen.
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nothwendige Gegengewicht geben, und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Men-schen umfassen und ergreifen." Und wenn die Turnkunst die gleichmäßige Stärkung undUebung des Muskelsystems voraus hat, während beim Gehen „die oberen Theile unsresKörpers und deren Muskulatur nicht in demselben Grade, wie die Beine in Thätigkeitversetzt werden" (Oesterlen, a. a. O.): so hat dagegen das Wandern den Vorzug,daß es zugleich das vegetative Leben fördert, gegen die Einflüsse der Witterung, derNahrung u. dgl. in höherem Grade abhärtet und zur Schärfung und Uebung derSinne die vielseitigste Gelegenheit darbietet. Hierbei handelt es sich nicht bloß darum,die Fernsicht zu schärfen, für deren Uebung sich sonst wenig Anlaß findet; sondern zu-mal bei der städtischen Jugend wird es darauf ankommen, die Aufmerksamkeit auch fürdie nächste Umgebung zu Wecken. Ausgehend von der Unterscheidung der Getreidearten,der Feld- und Waldbäume aus der Nähe und Ferne, muß der Lehrer zu ausgebreitetererKenntnis der Pflanzen- und Mineralwelt anleiten, und während so das Auge geübtwird, darf dem Ohre keine Vogelstimme erschallen, die nicht ihre richtige Deutung er-führe. Pflanzen-, Mineralien-, Jnsectensammlungen, welche letztere durch Anleitung undAufsicht des Lehrers ihr Bedenkliches verlieren, werden den Reiz, wie den Nutzen derReise erhöhen; und wenn auf diese Weise ein ernstes Interesse an den Naturdingen sichgebildet hat, so verschwindet von selbst j?ne Unart der Stndtjugend, die den unbeschäf-tigten Thätigkeitstrieb nur in der Zerstörung von Blumen und Sträuchen und Bäumenzu üben weiß. Doch hüte sich der Erzieher, daß er die Absicht der Belehrung nichtallzudeutlich merken lasse, und dadurch nicht bloß die unbefangene Heiterkeit der Zöglingeverstimme, sondern auch, indem er sie nur das will sehen lassen, worauf er die Aufmerk-samkeit geflissentlich lenkt, sich des Vortheiles beraubt, durch die mehr sich selbst über-lassene lebhafte Aufmerksamkeit der Jugend einen weit reicheren Stoff der Belehrung sichzugeführt zu sehen. Ueberhaupt aber darf man da keine belehrende Einwirkung derFußreise suchen, wo die Empfänglichkeit für den Genuß des Fußreisens noch gax nichtvorhanden sein kann. Diese Empfänglichkeit setzt schon eine gewisse Freiheit des Blicksauf Seiten des Zöglings voraus, wie sie Kinder nicht haben, welche das am Wegeaufgelesene Steinchen oder Schneckenhäuschen mehr interessirt, als alle Ritterburgenund landschaftlichen Reize der Welt. Eine gesunde Pädagogik hat auch in dieser Be-ziehung vor jener Verfrühung zu warnen, die überall eine frische und kräftige Genuß-fähigkeit zerstört. Auch daran werde erinnert, daß, wenn auch die Fußreise, um kräf-tigend zu wirken, ein gewisses Maß der Anstrengung von den Theilnehmern fordernmuß, diese Anstrengung doch nicht, etwa durch Erregung eines ungehörigen Wetteifers,zur wirklichen Erschöpfung getrieben werden darf, und daß, wie beim Unterrichte dieGeister, so bei körperlicher Anstrengung die Leiber und ihre verschiedene Leistungsfähigkeitunterschieden werden müßen. Von den Regeln, deren Befolgung die Anstrengung er-leichtert, heben wir nur hervor: Möglichst leichtes Gepäcke, durchaus frugale Kost,namentlich Spirituosen in der Regel nur nach vollbrachtem Tagewerk, weil sie währendder Wanderung selbst auf eine vorübergehende Aufregung Erschlaffung folgen lasten,und bequeme Fußbekleidung mit dicken Sohlen!
Mit der Kräftigung und Uebung des Körpers steht die Stärkung des Willensin dem unmittelbarsten Zusammenhänge. Auch von dem Fußwanderer gelten die Wortedes Schiller'schen Reiterliedes: „Da tritt kein andrer für ihn ein, auf sich selber stehter da ganz allein!" Nichts dient so sehr zur Erregung eines kräftigen, gesunden Selbst-gefühls, als das Bewußtsein, durch tüchtige Anstrengung die Länge und die Beschwerdendes Weges überwunden und ein lohnendes Ziel erreicht zu haben, das Bewußtsein,unabhängig von Locomotiven und Kutschern, Eselstreibern und Packträgern, auf eignenFüßen gehn und stehn zu können. Dem durch Fußreisen geübten rüstigen Knaben undJünglinge werden Wind und Wetter allmählich zu eingebildeten Nebeln, ja zu willkom-menen Herausforderungen mit der Kraft des Körpers und des Willens den Kampf gegen
Padag. Encyklopädie. H. Z7