572
Fürstenschulen.
Furcht.
aus der Schule ist stets die härteste Strafe gewesen und urmachsichtlich geübt, wo ent-weder Verwirkung durch gemeine Vergehen oder die Gefährdung des Seelenheilesanderer und des Wohles des Ganzen eing'etreten war. Die Strafen innerhalb derSchule sind zu allen Zeiten auf Entsagung und zugleich Auferlegung von einem nütz-lichen Thun berechnet gewesen. Tyrannisch würde ferner jene Disciplin genannt werdenkönnen, wenn sie nicht die Ueberzeugung zu gewinnen trachtete. Daß aber die älterenund bewährteren Schüler selbst zur Handhabung und Aufrechterhaltung der Ordnung alsJnspcctoren, Obergesellen, Mittelgesellen verwendet werden, hat nicht nur den Ernstgemildert, sondern auch einen Geist erzeugt, der jene Ordnung als nothwendig erkennt,ja der die inorss über die legvo stellt oder die Beobachtung des Gesetzes als Sitteheiligt.^. Doch will man mehr, so frage man die gewesenen Zöglinge der Fürsten-schulen, ob sie nicht, mögen sie auch während ihrer Schulzeit ein noch so heftiges Wi-derstreben gegen den sie beherrschenden Zwang empfunden, noch in dem späteren Altermit Freuden an sie als eine glückliche und ihnen heilsame zurückdenken und von dortGüter ins Leben mitgenommen haben, deren Besitz nie genug geschätzt werden kann.*) **)Möchten durch unsere kurze Darstellung die geneigten Leser ein Interesse gewinnen fürdie drei Fürstenschulen, die Sachsen stets als seine Kleinodien betrachtet hat und dereneine Preußen, nachdem sie ihm zugefallen ist, mit gleicher Liebe im Geiste des Stifterserhält und hegt! R. Dietsch.
Furcht findet sich, wie alle Affecte, im jugendlichen Alter am häufigsten ein undoft unter bedenklichen Formen. Es ist bekannt, daß namentlich Gespensterfurcht beiKindern oft die schlimmsten Zufälle, Krankheit und Tod herbeigeführt hat. Wenn daherdie Periode der Aufklärung irgend etwas gutes gebracht hat, so gehört gewiß auch diesdazu, daß der Aberglaube aus den Kinderstuben verwiesen und der Jugend manchesSchrecknis gespart worden ist. Wenn damit auch manches romantische, Phantasie undGemüth der Kinder belebende Element verschwunden oder geschmälert ist, so ist hierwohl jedenfalls der Nutzen höher anzuschlagen als der Schaden. Zu warnen ist jedochvor der systematischen Ernüchterung und der pedantischen Verfolgung jedes phantastischenRestes im kindlichen Gemüthe, an den sich etwa auch Furchtanwandlungen anknüpfenkönnten. Ein solches Verfahren, wie es namentlich rer Basedow'schen Schule eigenwar, erzeugt leicht Altklugheit und Eitelkeit, während die Bildung des Muthes und derGründlichkeit als Schutz gegen kindische Furcht an den einzelnen Fällen erfolgenkann, ohne daß das Kind von einem Principienkampf gegen Aberglauben etwas zuahnen braucht. Am schlimmsten wird es, wenn die Kinder bei jenem principiellen Ver-fahren gewöhnt werden, mit superklugem Selbstbewußtsein auf achtbare Dienstbotenoder andere ältere Leute herabzusehen. Es genügt also, wo den Kindern etwa einunheimliches Geräusch, ein sonderbarer Lichtstreif, ein drohender Schatten Furcht ein-flößt, sie mit unbefangener Sicherheit und ohne ihren Muth zu sehr auf die Probe zusetzen, auf die nächste Quelle der Erscheinung aufmerksam zu machen und durch Bei-spiel und Anleitung, wie sie der einzelne Fall darbietet, jene Gründlichkeit in der Be-trachtung der Außenwelt anzubahnen, vor der sich das Spukhafte zurückzieht; die Bil-dung allgemeiner Sätze aus solchen Erfahrungen überläßt man am besten der natür-lichen Selbstthätigkeit und der fortschreitenden Entwicklung deö Kindes.— Ganz beson-ders muß auch davor gewarnt werden, aus Prahlerei oder zur heroischen UebungKraftstücke des Muthes mit den Kindern vorzunehmen — sie ohne Noth, ja ohneZweck im Dunkeln allein auf den Dachboden oder in den Keller, wo nicht gar überden Kirchhof zu schicken. Abgesehen davon, daß solche Kunststücke nicht selten einenverhängnisvollen Ausgang genommen haben, so bleibt es immer verkehrt, das natür-
*) Wir verweisen auf unseren Artikel Alumnate, in welchem auch viele andere Einrichtun-gen der Fürstenschulen, z. B. die Tutoren oder Verleger, Besprechung gefunden haben.
**) Wohl keine Schule hat so innige Jugendfreundschaften anfzuweisen, wie die Fürstenschulen.