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2 (1860) Director - Globus
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Frühreife.

raum zu verschaffen, ohne der körperlichen Kraft zu sehr zuzusetzen. Die fast jedesJahr auftauchenden jungen Virtuosen beweisen dies, denn wenn auch manche derselbenspäter vom Schauplatze verschwinden, so erlangen doch auch viele wenigstens als Virtuosen,wo nicht als Componisten vollkommene Reife. Das auffallendste Beispiel musikalischerFrühreife ist wohl das des kleinen Engländers William Crotch, der bereits zwei Jahrealt, also reichlich ein Jahr früher als Mozart, zu spielen begann. Derselbe Knabe sollauch anderweitig, z. B. im Zeichnen äußerst begabt gewesen sein (vgl. über ihn dieleider nicht kritischen Zusammenstellungen bei Lichtenberg, verm. Schr. 4. S. 200 ff.).Ein interessanter Vergleich mit Mozart ergiebt sich, wenn man das Leben des bekanntenfrühreifen Gelehrten, Joh. Phil. Baratier, betrachtet. Dieser, Sohn eines französi-schen Predigers zu Schwabach im Anspachischen, sprach am Schluß seines dritten Lebens-jahres geläufig lateinisch, französisch und deutsch. Später lernte er, zum Theil durchSelbststudium, griechisch, hebräisch, syrisch und chaldäisch, trieb Philosophie, Mathematik,Astronomie und Kirchengeschichte, trat im dreizehnten Jahre als Schriftsteller auf, starbaber schon (1740) an der Schwindsucht, als er sein Leben auf 19 Jahre gebracht hatte.Auf den ersten Blick ist hier gegen Mozart nur Unterschied, es scheint das Urbildkrankhafter Frühreife gegenüber der gesunden; allein die Sache gestaltet sich bei näheremZusehen etwas anders. Auch in dem jungen Baratier fand sich, wie aus vielen Zügenfeiner Biographie hervorgeht, eine ungewöhnliche Kraft und Selbständigkeit des Geistes.Auch kann man von ihm wie von Mozart sagen, daß seine Entwicklung ihre Norm inseiner eigenen Natur gehabt habe; die Bemühungen des Vaters um ihn waren freilichbedeutend, allein bei weitem das Meiste kam aus eigenem Streben. Er war frühproductiv, allein seine Producte konnten aus Mangel an Zeit und Ruhe nicht zurReife gelangen. Das Lebenstempo, welches sich bei Mozart nur wenig beschleunigtzeigt, nimmt hier die Form der rasenden Hast an; ein Studium jagt das andre, einPlan zu umfassenden Untersuchungen den andern. Das Ergebnis hievon war einefrüh sich einstellende greisenhafte Skepsis, die doch immerhin ebenfalls wieder ein Zeichenvon Originalität bleibt. Man gebe einem solchen Geiste mehr Körperkraft, mehr Ruheund jene weise, mäßigende und ernsthafte Leitung, die Mozart bei seinem Vater genoß,und es würde Wohl eine Frucht sich ergeben, die noch in anderer Hinsicht als der derFrühreife glänzte. Baratiers Vater erzog dem Kleinen die Frühreife nicht an, aber erstachelte sie. Ersteres wirft ihm der Prediger Witte vor, während es in der Thatweit mehr auf ihn und die Erziehung seines Sohnes Karl paßt (Erz.geschichte I, 350).Die letztere gewährt uns wieder ein ganz anderes Bild, eine völlig verschiedene Kom-bination der bei der Frühreife wirksamen Factoren. Der Knabe K. Witte war schonvor seiner Geburt bestimmt, ein ausgezeichneter Mensch zu werden. Es sollte an ihmder Satz bewiesen werden, daß jeder wohlorganisirte Mensch ein ausgezeichneter werdenkönnte, wenn er die geeignete Erziehung fände. Der Vater, ein Prediger, dem seineUmstände viel Zeit und Freiheit ließen, war Erzieher von Fach gewesen; er theilte dieSchwächen der Pädagogen jener Uebergangszeit von Basedow zu Pestalozzi, allein erwar jedenfalls in einem ganz seltnen Grade Meister der pädagogischen Technik undbefolgte namentlich auch hinsichtlich der physischen Erziehung vernünftige Grundsätzemit äußerster Sorgfalt. Die Anlagen des Sohnes, an dem jene Probe gemacht wurde,waren, wenn auch nicht mittelmäßig, wie ein Freund des Vaters sie nennt (I, 24), sodoch auch keineswegs ganz außergewöhnlich. Das Experiment hat insofern alle erfor-derlichen Bedingungen gehabt und bleibt für Pädagogik und Psychologie äußerst werth-voll. Das Resultat war der bewunderungswürdigste Fortschritt ohne Hemmung derGesundheit bis zum sechzehnjährigen Doctor der Jurisprudenz und der Philosophie;späterhin Stillstand. K. Witte lebt noch jetzt als Professor des Rechtes in Halle. Diefrühe Reife hat ihm nichts genützt, als baß er durch sie einen Namen erhielt und einigeJahre früher da anlangte, wohin auch andre kommen können; was sie geschadet hat,ist schwer zu übersehen. Ein bemerkenswerther Zug, der Baratier und K. Witte ge-